Valdraans Suche

Der Draenei setzte sich mit größter Vorsicht auf den Holzstuhl und betete zu den Naaru, das Holz möge halten. Es hielt nicht. Im nächsten Augenblick saß Valdraan in einem Haufen Trümmer auf dem Boden, und hatte einen dicken Holzsplitter in seinem Gesäß.
Er hob den Kopf und beschwerte sich bei der Deckenlampe. „Wie soll man bitte schön so arbeiten?“ Natürlich antwortete die Lampe nicht.
Mit einem Ächzen kam er wieder auf die Beine, raffte die Roben und zog sich den Splitter aus dem Oberschenkel. Nach einer kurzen Überlegung setzte er sich schließlich auf das Bett, nachdem er den Tisch herangezogen hatte. Das Bett knarrte gefährlich unter seinem Gewicht, brach jedoch nicht zusammen.
„Die Menschen haben einige bemerkenswerte Errungenschaften, allerdings sollten sie lernen, stabile Möbel zu bauen“, teilte Valdraan dem Raum mit. Offensichtlich hatte der Draenei eine Neigung zu Selbstgesprächen, denn außer ihm war niemand anwesend.
Mit dem Ausdruck größter Konzentration auf dem kantigen Gesicht, begann Valdraan zu schreiben. Er schrieb auf ein größeres Blatt Papier. Neben ihm lag ein ganzer Stapel davon. Die Seiten waren glänzend weiß und hatten keinen gelblichen Ton, der beim Papier üblich war, das die Menschen benutzten. Die Tinte, die der Draenei benutzte, war violett und ebenfalls recht ungewöhnlich für diese Gegend.
Nun, wenn man es so betrachtete, war auch der Draenei recht ungewöhnlich für diese Gegend. Die im Vergleich zu einem Menschen riesenhafte Gestalt war völlig fehl am Platz in dem kleinen Zimmer des Gasthauses zu Seenhain.

Valdraan war ein Schriftgelehrter der Aldor, er selbst stellte sich jedoch ausschließlich als ‚Reisender Forscher‘ vor, obwohl er nie auf Reisen ging – zumindest bis jetzt nicht. Seit die Legion Draenor erreichte und seine Heimat in Schutt und Asche legte, war er hauptsächlich damit beschäftigt, zu überleben. Nachdem man die Dämonen mithilfe von Kämpfern von Azeroth zurückgeschlagen hatte, verbrachte er seine Zeit in Shattrath. Es gab fürchterlich viel zu tun: Bücher mussten katalogisiert, Einbände ausgebessert, Seiten geklebt und die Bibliothek gekehrt werden. Während er all diese Dinge mit großer Hingabe verrichtete, dachte er häufig daran, diese andere Welt zu besuchen, in der so viele fremde Völker lebten: Menschen, Nachtelfen, Trolle, um nur einige zu nennen. Dass Azeroth auch Orcs beherbergte, daran wollte er lieber nicht denken. Eine fremde Welt!
Valdraan hatte nicht, wie viele aus seinem Volk, in der Oshu’gun unzählige Welten bereist, immer auf der Flucht vor der Brennenden Legion. Er war auf Draenor geboren und galt in seinem Volk als relativ jung. Eine fremde Welt war für ihn ein spannendes Abenteuer.
Allerdings hatte er dieses Abenteuer immer wieder aufgeschoben. Zuletzt musste er seine Reise verschieben, weil ihn beunruhigende Nachrichten von dem sogenannten Aspekt der Erde erreicht hatten, der wahnsinnig geworden und Azeroth in ein Zeitalter des Todes und der Zerstörung tauchte. Ganze Landstriche wurden verwüstet, Siedlungen und Städte dem Erdboden gleichgemacht. Valdraan bekam es mit der Angst zu tun und blieb zu Hause, in seiner Bibliothek, wo er wie besessen Bücher über diese fremde Welt zusammentrug.

Vor einiger Zeit gelang es ihm, einen alten Bekannten zu kontaktieren, Rualeth, der mit der Exodar nach Azeroth floh und nun als Botschafter eingesetzt wurde. Er lebte bei den Wildhammerzwergen in einer Gegend, die man Hinterland nannte und lobte sowohl die Zwerge als auch das Land in hohen Tönen. Er versicherte Valdraan, dass er dort willkommen wäre, würde er sich entschließen, nach Azeroth zu reisen.
Vermutlich diente diese Nachricht als letzter Tropfen im überfüllten Faß von Valdraans Abenteuerlust. Er sammelte ein paar Bücher, packte einige Ersatzroben ein und brach auf. Natürlich reiste er nicht auf gewöhnlichen Wegen. Immerhin war er ein Schriftgelehrter, ein Arkanist zudem. Mehrere Tage verbrachte er damit, Berechnungen anzustellen, um ein Portal direkt zum Nistgipfel zu eröffnen.
Vermutlich waren seine Berechnungen fehlerhaft, denn das Portal öffnete sich mitten auf dem Immerruhsee, anstatt in der Siedlung der Wildhammerzwerge.
Valdraan war alles andere als begeistert über diese Tatsache.
Wochen waren seitdem vergangen, Wochen, in denen er im Gasthaus hockte und über sein Vorhaben sann. Mehrmals hatte er versucht, sich auf den Weg zu machen, allerdings war das Reisen auf Azeroth wohl genau so gefährlich wie auf dem zerstörten Draenor. Jedes Mal begegnete er bösartigen Orcs und sah sich gezwungen, umzukehren.
Jeden Abend lauschte er Erzählungen von Seenhains Bewohner und Abenteuerern, die in die Taverne einkehrten.
Jeden Abend träumte er davon, all diese Orte zu sehen, von denen sie erzählten, von ihnen zu schreiben und ihre Rätsel zu lösen. Er sah es jedoch als unmöglich, seine Forschungen auf sich allein gestellt zu betreiben. Bis er eines Abends, nachdem er etwa vier Krüge von diesem hier sehr beliebten bitteren Getränk, Bier, geleert hatte, eine zündende Idee bekam.
Er würde Gleichgesinnte suchen, Leute, die, wie er, es nicht aushielten, ständig an einem Ort zu bleiben, weil er auf Dauer langweilig wurde, Leute, die, wie er, Geheimnisse und Rätsel lösen, fremde Länder bereisen und Abeneuter erleben wollten.
Notfalls würde er sie sogar dafür bezahlen, damit sie ihm den Rücken freihielten.

In diesem Augenblick war er dabei, seine Idee zu verwirklichen, indem er ein Schreiben aufsetzte, das er nach Sturmwind bringen lassen würde, um es dort an den zahlreichen Schrifttafeln aufzuhängen.
Dieses Vorhaben war ein langwieriges, denn er beherrschte die Gemeinsprache noch nicht sehr gut, auch wenn er jeden Tag in seinem Wörterbuch las und versuchte, sich all die Namen und Begriffe zu merken. Schließlich war er fertig, legte das vollbeschriebene Blatt zurück auf den Stapel und zeichnete Runen in die Luft, die ein violettes Glimmern hinterließen. Als er mit seiner Beschwörung fertig war, nahm er das Blatt vom Stapel herunter. Das darunterliegende Blatt hatte exakt die gleiche Aufschrift. Er hatte sein Schreiben vervielfältigt.
Den Stapel unter den Arm geklemmt, lief er hinunter in den Gastraum.

Schon in wenigen Tagen ließen sich an vielen Orten in Sturmwind, sowie in Seenhain, Menethil und sogar Theramore folgende Aushänge finden.

Ich, Valdraan, Arkanist der Aldor, suche Gleichgesinnte für eine zeitlich unbegrenzte Expedition an verschiedene, gefährliche Orte mit dem Ziel, wertvolle Artefakte zu bergen sowie Wissen zu erlangen. Kampf- und Reiseerfahrung ist von Vorteil. Die notwendige Ausrüstung ist selbstständig zu besorgen. Ich hafte nicht für etwaige Unannehmlichkeiten wie Verletzungen oder Tod, die diese Expedition mit sich ziehen könnte. Über die Höhe der eventuellen Bezahlung wird verhandelt.
Bitte melden im Gasthaus zu Seenhain bei dem Wirt oder mir höchstpersönlich.

***

Valdraan saß im Gastraum und stocherte lustlos in seinem Essen herum. Neben ihm lag sein Notizbuch, in dunkles Leder gebunden und mit winzigen Edelsteinen verziert, sowie ein kleines Fläschchen Tinte. Die dazugehörige Feder steckte hinter seinem Ohr.
Bisher hatte sich niemand auf seinen Aushang gemeldet, außer einem seltsamen Elf, der nur aus Bart und einer schweren Lederrobe bestanden hatte. Der Elf erzählte von einer Frau seines Volkes, die mit einem Worgen, einem dieser Wolfsmenschen, reiste, die auf seinen Aushang aufmerksam wurden. Danach verschwand er spurlos. Von der Frau und dem Wolfsmensch hatte der Draenei bisher nichts gehört.
Nun, vielleicht sollte er noch ein wenig warten. Gute Dinge brauchten Zeit, hatte seine Mutter immer gesagt. Und Zeit hatte er genug, jetzt, wo er hier in diesem Gasthaus gestrandet war, es sei denn, der Wirt verlor die Nerven und schmiss ihn raus. Andererseits hatte Valdraan jeden zerbrochenen Stuhl bezahlt und manchmal sogar eigenhändig repariert, indem er arkane Ströme dazu benutzte, Holzstücke, die einmal zusammengehörten, wieder zusammen zu fügen. Wenn man objektiv darüber nachdachte, konnte sich der Wirt über nichts beschweren.
Valdraan ließ ein schweres Seufzen hören, schob den Teller mit der Suppe beiseite – sie wollte ihm gar nicht schmecken – und griff nach seinem Notizbuch. Just in diesem Moment wurde die Eingangstür mit so einer Wucht aufgeschlagen, dass sie scheppernd gegen die Wand krachte. Der Griff brach ab und polterte über den Boden, bis er direkt vor Valdraans Hufen liegen blieb. Der Draenei starrte entgeistert zur Tür.
Die Gestalt, die sich im Türrahmen aufgebaut hatte, erschien ihm fremd und vertraut zugleich. Als sie von der Schwelle trat und ein, zwei Schritte ins Innere des Raums tat, stellte er fest, dass sie zu seinem Volk gehörte. Eine Draenei, hier!
Die anfängliche Begeisterung schwand schnell, als die Draenei langsam zur Theke schritt, ohne einen Blick für ihre Umgebung übrig zu haben. Ein plötzlich aufkommender Windzug – seit wann gab es im Gasthaus Wind? – schlug die Tür hinter ihr wieder zu.
Die Draenei bot ohne Zweifel eine imposante Erscheinung. Für eine Frau war sie groß und massiv gebaut, breitschultrig und kräftig. Sie war zäh und muskulös, die Muskelstränge bewegten sich unter ihrer obsidianfarbener Haut, bis sie vor der Theke stehenblieb und eben jene mit einem starren Blick fixierte.
Ihr Gesicht war kantig, mit harten, scharfgeschnittenen Zügen. Keine Spur von weiblicher Sanftheit. Schön war sie nicht – beeindruckend und anziehend auf eine eigene Art, aber nicht schön im klassischen Sinne dieses Wortes.
Ihre Aufmachung war mehr als eigenartig. Unzählige Amulette, Anhänger, Glücksbringer und undefinierbare Dinge waren an Dutzenden von Lederbändern an ihren Hörnern, ihrem Hals, ihren Handgelenken und ihrem Gürtel befestigt. Sie trug einen Lederkilt, der mit Kettengewebe und Knochenplättchen verstärkt wurde und eine fremdartige Weste aus Lederstreifen, die sich wie eine zweite Haut um ihre Brust legten. An ihrem Gürtel hing eine große, gefährlich aussehende Axt mit einer Vielzahl von Dornen und Zacken. Am Axtgriff baumelte ein Trollskalp, mit seinem langen, schwarzen Haarzopf an die Axt gebunden.
Der Trollskalp schien Valdraan mit leeren Augenlöchern anzusehen. Der Draenei spürte, wie sich kleine Härchen auf seinen Armen aufstellten. Der Skalp war unheimlich. Genau wie die Frau selbst.
In diesem Moment schlug die Frau mit der linken Hand geräuschvoll auf den Tresen. Der Wirt, der gerade in der Küche war, eilte hervor. Üblicherweise war der Mann durch nichts zu beeindrucken, doch Valdraan bemerkte sofort, dass die Frau ihn verunsichert hatte.
„Grüße, Frau Draenei!“, meinte der Wirt freundlich. „Wie darf ich Euch dienen?“
„Ihr? Gar nicht“, erwiderte die Draenei. Ihre Stimme war tief, mit einem rauen Klang. Valdraan bekam Gänsehaut. „Ich suche den Verfasser dieser Nachricht.“
Mit der rechten Hand zog sie ein zerknülltes Pergament aus der Gürteltasche und schob es über den Tresen. Ihr Kettenhandschuh kratzte dabei über das Holz.
„Äh“, stammelte der Wirt. „Der sitzt dort drüben.“ Sein Finger zeigte direkt auf Valdraan. Der Draenei schluckte.
Die Frau drehte sich um und lief mit den gleichen, schwerfälligen Schritten auf ihn zu. Bei jeder Bewegung klapperte und klirrte ihr ganzes Sammelsurium an seltsamen Dingen, die sie am Körper und Rüstung trug.
Valdraan hörte etwas über den Boden scharren und begriff mit einiger Verspätung, dass es sein eigener Stuhl war – instinktiv hatte er versucht, zurückzurutschen, um dem starren, bohrenden Blick der Frau und des Trollskalps zu entkommen.
„Arkanist Valdraan“, sagte die Frau in der Sprache ihres Volkes. Sie schien seine Furcht vor ihr zu ignorieren oder gar nicht wahrzunehmen. „Ich bin Geisterseherin Aberash. Zu Euren Diensten.“
Langsam verbeugte sich die Frau vor ihm, richtete sich dann wieder auf. Die Verbeugung wirkte so fehl am Platz wie nur irgendetwas – Valdraan fühlte sich dieser Frau unterlegen und sollte sich eigentlich an ihrer statt verbeugen. Doch er blieb sitzen und nickte stattdessen nur.
„Es… ist mir eine Ehre“, brachte er stotternd heraus.
Der Trollskalp schien zu grinsen.