Atfaal: Valgarde

Der Wind warf ihr heißen Sand und Blutspritzer ins Gesicht. Das Blut – ihr eigenes? Sie wusste es nicht. Mit aller Kraft bohrte sie ihre Finger in den Sattelknauf ihres Netherrochen. Sie spürte seine Qual, fühlte, wie seine Kraft nachließ. Die Wunden, die ihm die Pfeile der Legion beibrachten, waren ohne Zweifel tödlich. Das Tier starb.
Atfaal versuchte, den Netherrochen zum Landen zu bringen, doch er gehorchte ihr nicht mehr. Gefangen in seinem Schmerz und seiner Furcht, wirbelte er haltlos durch die Luft, bäumte sich auf, gewann an Höhe und verlor sie wieder. Ein weiterer Pfeil schlug in seine Seite ein.
Ein Zittern lief durch seinen Körper und Atfaal spürte, wie ihm das Leben endgültig entwich. Er fiel – und sie mit ihm.
Der Fels, der eben noch weit entfernt war, stürzte auf sie zu, und der rote Sand, der darüber strich, er schmeckte nach Blut…

Atfaal starrte in die Dunkelheit der Nacht. Es war ruhig im Gasthaus von Valgarde, bis auf gelegentliche Gesprächsfetzen, die von unten in die Schlafräume drangen. Sie atmete ein, wieder aus. Sie hatte wieder geträumt, von den Kämpfen gegen die Legion, von ihrem Sturz. Ihre Hände hatten sich in die Bettdecke gekrallt, bleich und blutlos von der Anspannung.
Sie löste ihren Griff und drehte sich um, versuchte, wieder einzuschlafen, doch der stechende Schmerz, der sich seit dem Sturz irgendwo hinter ihrer Stirn eingenistet hatte, machte das Vorhaben unmöglich. Der Schlaf kam nicht, so wie jedes Mal, wenn die Träume zurückkehrten.
Die Draenei stand auf, griff nach ihrem Waffengurt und stolperte nach unten in den Gastraum, wo auch Nachts stets Licht brannte. Ein Zwerg und eine Menschenfrau hielten ein leises Gespräch an einem der Tische. Sie nickte ihnen zu und trat hinaus.
Die Vrykulburg – Utgarde, wie sie von einem der Soldaten gehört hatte – erhob sich im Norden, ein großer grauer Schatten vor dunkelblauem Nachthimmel. Auch wenn die Burg nicht sehr weit entfernt war, war sie für Atfaal nur ein formloser Schemen.
Seit dem Sturz sah sie schlecht. Manchmal, wenn der Kopfschmerz schlimmer wurde, verschwamm alles vor ihren Augen, verflüssigte sich zu hellen und dunklen Schemen, Schatten, gestaltlosen Silhouetten.
Ihr Streithammer fand noch immer das Ziel und auch ihr Schild fing die meisten Schläge des Feindes ab. Sie kam zurecht. Sie galt immer noch als eine fähige Kriegerin. Eine mit der Macht des Lichts gesegnete Verteidigerin.
Aber ihre Zeit in der Himmelswache der Sha’tar war mit dem Sturz vorbei gewesen. Ihr Augenlicht war zu schlecht, um einen Netherrochen sicher zu steuern. Sie konnte nicht mehr fliegen.
Gebunden an die Erde… bis auf wenige Ausnahmen, wo sie sich auf den Rücken eines Greifen traute, um eine bekannte Strecke zu überwinden. Diese Momente bereiteten ihr Furcht. In der Luft sah sie die Erde nicht mehr, Oben und Unten unterschieden sich nicht mehr, versunken im grauen Nebel.
Und wenn sie sich nicht darauf konzentrierte, erkannte sie oft auch Dinge in ihrer unmittelbaren Nähe nicht. Hier, in Valgarde, stolperte sie oft über Vorratskisten und Holzstapel. Hin und wieder stieß sie vorbeieilende Arbeiter um oder Soldaten um. Ehemals eine der besten Fliegerinnen ihrer Staffel, war sie nun halb blind.
Die kalte Nachtluft ließ sie frösteln. Bald würde es hell werden. Dann würden sicher auch die Angriffe der Vrykul weitergehen und sie musste wieder aufbrechen, um die Truppen der Allianz zu unterstützen. Ein weiterer Tag im Kampf gegen die Geißel… und vor allem gegen sich selbst.