Schwarzsteinclan, neue Fassung 1

Es war tiefste Nacht – die einzige Zeit, in der ein Darh allein die Steinwüste überqueren konnte.
Cahirs Schwingen schnitten durch die kühle Luft, ein gleichmäßiges Auf und Ab, bis er den nächsten warmen Aufwind spürte und sich tragen ließ, die Arme eng an die Brust gedrückt, die Beine ausgestreckt, die Krallen im Gefieder vergraben. Einzig und allein die gebogenen Spitzen seiner Hörner, die über die Rückenlinie hinausragten, ließen Luftverwirbelungen entstehen.
Unter ihm war die Steinwüste zum Leben erwacht. Kleine Geschöpfe flitzen von Strauch zu Strauch, von Spalte zu Spalte. Hin und wieder sah er Felsgleiter, deren bei Tag bunt schillerndes Gefieder im blassen Sternenlicht matt und eintönig wirkte. Die Felsgleiter wussten es besser, als seinen Weg zu kreuzen oder ihn gar anzugreifen, auch wenn sie hierzulande wohl unangefochtene Herrscher der Lüfte waren – aber ein ausgewachsener Morlan’darh war mindestens drei mal größer als jeder Felsgleiter – und um ein Vielfaches stärker.
Einem unbewussten Impuls folgend, verringerte Cahir die Höhe, glitt, einem riesigen Schatten gleich, nur wenige Flügellängen über dem Boden. Das zähe Gestrüpp, das lediglich in den Spalten im trockenen, sonnenverbranntem Fels wuchs, verschwamm zu einem undeutlichen Grau. Die Geschöpfe der Steinwüste nahm Cahir nur noch als undefinierte Flecken von Wärme und ein Wirrwarr von Bewegungen wahr.
Etwas Riesiges, Dunkles erhob sich plötzlich vor ihm, mit Wärme und Feuchtigkeit pulsierend. Cahir riss abrupt die Schwingen herum, fühlte, wie sich die Hautmembran zwischen den Federn schmerzhaft spannte. Wenige Armlängen vor dem Hindernis zog er hoch, um dann in einem kontrollierten Fall zu Boden zu gleiten.
Er hatte sein Ziel erreicht. Der Khaertwald erstreckte sich vor ihm, ein riesiges, lebendiges Gewirr aus Ästen, Lianen, Ranken und dicken, schwulstigen Blättern. Die Bezeichnung Wald traf nur bedingt auf dieses Ungetüm zu. Dieses riesige, endlos wirkende Knäuel aus Pflanzenmaterial entstammte aller Wahrscheinlichkeit nach einem einzigen Khaertspross, dem Hauptstamm, der eine Vielzahl von Nebenstämmen ausbildete und sich so über eine riesige Fläche verbreitete, wie ein überdimensionierter Schimmelpilz. Unzählige andere Arten siedelten sich im Khaert an, parasitierten auf seinen Ranken, die jeden Tropfen Feuchtigkeit aus der Luft zogen und in dicken Knollen und Geschwülsten speicherten.
Cahir faltete die Schwingen, strich die Federn glatt, sah sich um. Seine Ankunft blieb nicht unbemerkt. Ein einzelner Darh in der Luft war weder eine große Bedrohung noch eine leichte Beute. Ein einzelner Darh auf dem Boden erweckte jedoch Hoffnungen und versprach Möglichkeiten – oder Furcht und ein sicheres Ende in den Fängen eines perfekten Raubtieres. Alles kam auf die Perspektive des Betrachters an. Augen beobachteten ihn aus der grünen Dunkelheit des Waldes, Dinge bewegten sich zwischen den Ranken. Hinter ihm sammelten sich die Felsgleiter in einer sicheren Entfernung zu einem Rudel.
Cahir fürchtete sich nicht vor Felsgleitern. Er wusste, dass ihre Krallen seine Schuppen nicht durchdringen konnten und an seinem Gefieder keinen Halt finden würden. Er wusste, dass ein einziges Schnappen seiner Kiefer ihre Lebensfäden zu Dutzenden abreißen würde. Von den Wesen, die sich im Schutz des Khaertdickichts verbargen, konnte er allerdings nicht das Gleiche behaupten. Er kannte sie schlichtweg nicht.
Langsam näherte er sich der Grenze – einem von trockenem und abgestorbenem Material bedeckten Felsstreifen, der immer feuchter und lebendiger wurde, je näher er dem Wald kam. Er spürte den Fels nicht mehr, der Khaert hatte ihn aufgeweicht und zu einer dunklen, fruchtbaren Erde verarbeitet, die Cahir unter der Schicht von vergammelten Ranken fand.
Ein unbestimmtes, bedrohliches Gefühl drängte ihn dazu, langsamer zu werden und schließlich stehen zu bleiben.
In der Steinwüste machte ihm die Dunkelheit nichts aus. Er sah die Wärme ihrer Bewohner, spürte ihre Bewegung und das Rauschen des Blutes in ihren Adern, wenn sie ihm näher kamen. Es war nicht wichtig, ob seine Augen Farben und Formen des Felsens erkannten – andere Sinne verrieten ihm alles, was er zum Überleben brauchte. Der Khaert setzte sie jedoch außer Kraft.
Hier pulsierte alles mit Leben, Wärme, Feuchtigkeit, alles bewegte sich, jeder Ast, jedes Blatt reagierten auf seine Präsenz. Er wusste nicht, was Gefahr bedeutete und was nicht, er konnte Pflanzen nicht von Tieren unterscheiden – und bezweifelte, dass ein wie auch immer gearteter Unterschied hier im Khaert auch nur ansatzweise vorhanden war. Cahir war ein Fremder im Khaert, ein Eindringling, den es zu vertreiben galt. Die Aufmerksamkeit der Pflanzen gefiel ihm nicht. Als eine dünne, mit winzigen, schimmernden Tropfen bedeckte Ranke in seine Richtung glitt, wich er entschieden zurück. Er würde den Tag abwarten.
In einer sicheren Entfernung von dem Khaert und allem, was ihn bevölkerte, suchte er eine ausreichend große Felsspalte und zwängte sich hinein. Als ein kleines Pelztier sich auf dem Grund der Spalte regte, streckte Cahir den Arm aus und schloss die Finger darum. Das Tier war zu langsam oder zu erschrocken, um zu entkommen. Cahirs Krallen senkten sich in das warme Fell, ließen heißes, aromatisches Blut hervorquellen. Cahir zog seinen Fang zu sich heran und fing das Blut mit der Zunge auf, bevor er die Qual des Tieres mit einer mühelosen Bewegung seiner Krallen endete und es samt Pelz und Knochen verschlang.
Mit einem zufriedenem Seufzen machte er es sich in der Spalte gemütlich, versteckte den Kopf im Brustgefieder und schlief ein.
Über ihm kreisten die Felsgleiter, nicht imstande, ihre Furcht zu überwinden und ihn anzugreifen oder ihre Gier zu besiegen und fortzufliegen.

***

Braegg trat aus der Geisterhöhle und lief über den Dorfplatz zur Waldbresche. Sein Schwanz schleifte über den Boden und wirbelte Staub auf, auch seine Flügel zeichneten Furchen in die hart getretene Erde. Braegg fühlte sich so alt wie noch nie. Seine Beine zitterten, auch wenn er kaum noch etwas wog – so dünn wie er geworden war – und sich beim Laufen auf seinen Stab stützte. Selbst der Stab fühlte sich mehr wie eine Last an als eine Hilfe. Der Geisterrufer hielt inne und betrachtete ihn. Der Schaft war aus glattpoliertem, dunklen Holz, ein Darhkopf mit gebleckten Zähnen bildete die obere Spitze. Die Hörner des Darhs jedoch bestanden aus geschliffenem Metall, genau wie die Fänge. Die untere Spitze war ebenfalls in Metall gefasst. Das Eisen wand sich in dünnen Ranken um das Holz und endete in winzigen, filigranen Khaertblättern bei der Hälfte des Schaftes.
Solches Handwerk war den Stämmen des Südens gänzlich unbekannt. Auch nach fast sechs Jahrzehnten wurde der Stab des Geisterrufers auf jeder Großen Jagd, auf jeder Stammesversammlung wie ein Ding der Unmöglichkeit angestarrt, bewundert, und gefürchtet.
In seiner Jugend hatte Braegg versucht, das Wissen und das Handwerk, das die nördlichen Stämme beherrschten, in den Süden zu tragen, jedoch stieß er auf Unverständnis und Angst. Also ergab er sich den Traditionen seiner Stammesleute. Sie waren noch nicht bereit, zu wachsen, das hatte der Geisterrufer irgendwann erkannt. Der eisenbeschlagene Stab war das einzige Beispiel für Fortschritt, das er in seine Heimat gebracht hatte – und es würde auch das Einzige bleiben. Braegg wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Es machte ihn traurig, jedoch nicht um sich selbst, sondern um jene, die er zurücklassen musste, um seinen Stamm, seine Nachkommen. Er hatte lange gelebt, viel länger als ein Jäger oder ein Späher leben würde, viel länger als jeder Darh, den er kannte. Acht Jahrzehnte waren eine lange Zeit.
Er hatte ein gutes Leben gehabt, er hatte mächtige Geister in den Stamm gebracht, hatte den Jägern des Stammes viele erfolgreiche Beutezüge beschert. Er hatte viele Nachkommen gezeugt, auch wenn er nie eine Frau in sein Haus genommen hatte – doch es war für jede Frau des Stammes eine Ehre, von dem Geisterrufer beansprucht zu werden.
Er hatte seine Pflicht an den Stamm erfüllt, und jetzt wurde es Zeit, diese Pflicht in andere Hände zu übergeben. Fremde Hände, ja, doch Braegg hoffte, dass sie dem Stamm genau so gut dienen würden, wie seine eigenen, die nun zu schwach waren. Zu schwach, um Beute zu reißen, zu schwach, um Feuerholz zu spalten oder um Kräuter zu Heilpasten zu mahlen. Zu schwach zum Leben.
Braegg ging weiter, jeder Schritt eine Anstrengung, Schmerz. Seine Gelenke taten weh, sein Rücken tat weh, jede Bewegung tat weh. Das war kein Leben für einen Geisterrufer. Kein Leben für irgendjemand.
Als er den Wall erreichte, der den Dorfplatz von dem angrenzenden Wald trennte, blieb er in der Bresche stehen und wartete. Sein Blick verlor sich zwischen den knorrigen Ästen und Zweigen, aus denen der Wall errichtet war. Von der äußeren Seite war der Wall mit alten Yenatarhäuten bespannt, um kleine Raubtiere als auch den Wind vom Dorfplatz abzuhalten. Die Bresche war eine Öffnung in dem Wall, breit genug, um fünf Darhi nebeneinander passieren zu lassen. Wenn nötig, ließ sie sich mit einer Konstruktion aus riesigen Khaertästen und weiteren Yenatarhäuten schließen. Braeg lehnte sich gegen eben jene Konstruktion und schloß die Augen. Das Leder fühlte sich angenehm warm und rau an, auch wenn das Stehen dadurch nicht weniger anstrengend wurde. Er war müde, so müde. Aber er musste auf seinen Nachfolger warten.
Schritte erklangen hinter ihm. Widerwillig öffnete Braegg die Augen, richtete sich auf, wankte und verlor fast das Gleichgewicht.
Clanführer Rahi war gekommen und streckte nun einen Flügel aus, um ihn zu stützen. Der alte Darh lehnte sich dankbar gegen den dargebotenen Flügel. Rahi war ein guter Mann, ein guter Anführer, ein guter Jäger. Und im Gegensatz zu Braegg, war Rahi noch voller Kraft und Leben – er zählte erst vier Jahrzehnte, obwohl die meisten Darhi nicht einmal dieses Alter erreichten. Männer ließen ihr Leben oft auf der Jagd und in Rangkämpfen, Frauen starben bei der Geburt ihrer Kinder. Hunger und Krankheiten rafften alle gleichermaßen dahin.
„Ein Späher hat einen Eindringling gemeldet. Es ist ein einzelner Phirlin, groß und von dunkler Farbe. Er führt keine Waffen mit sich und versteckt sich nicht.“
„Ich weiß“, sagte Braegg. Selbst seine Stimme war müde, sie kratzte schmerzhaft gegen seinen Hals. „Ich erwarte ihn.“
„Ich werde dem Späher sagen, dass er ihm entgegenkommen soll.“
„Nicht nötig“, entgegnete Braegg. „Er findet schon den Weg. Sind die Jäger zurück?“
„Die Jäger sind noch nicht los“, meinte Rahi verwundert. „Du hattest gesagt, sie sollen warten, Geisterrufer.“
Hatte er das? Er wusste es nicht mehr. Die Große Jagd musste bald stattfinden, solange die Yenatarherden am Fluß weiter nördlich weilten, doch es durfte keine Jagd ohne die Unterstützung der Geister geben, und Braegg war zu schwach, um das Ritual ein weiteres Mal durchzuführen. Zu schwach, zu müde. Zu alt.
„Gut… Rufe den Clan zusammen.“
Rahi blickte verwundert, gehorchte jedoch. Braegg verlagerte das Gewicht wieder auf die andere Seite, lehnte sich gegen das Leder des Tores. Der Clanführer lief über den Dorfplatz zum Schwarzstein, dem Zentrum der Siedlung.
Braegg sah nicht zurück, doch er wusste, dass Rahi sich auf einen Vorsprung am Schwarzstein stellen, sich aufrichten und die Flügel ausbreiten würde, um seine Stimme zu erheben. Nur wenige Augenblicke später hörte er den Clanführer rufen. Leben kam in die Siedlung. Darhi versammelten sich auf dem Dorfplatz. Der Wind trug Braegg ihre Schritte, ihr Gemurmel und Geraschel zu.
Braegg wartete.
Als eine große, dunkle Gestalt zwischen den Bäumen auftauchte, drehte der Geisterrufer um und schleppte sich ebenfalls zum Dorfplatz. Der Schwarzstein erhob sich hoch über der Siedlung, ein riesiger, unförmiger Felsen. Wind und Wetter hatten seine Kanten geglättet, und doch sah der Schwarzstein immer noch fremd und auffällig aus. Auch die bunten Lederfetzen, mit denen die untere Hälfte des Felsens verziert war, milderten diesen Eindruck kaum, und die Öffnung der Geisterhöhle zwischen den Fetzen war wie ein schwarzes Maul. Ihr Eingang war geöffnet, die Ledervorhänge beiseite geschoben. Im Inneren brannte immer noch das Feuer, das Braegg in der Morgendämmerung hatte anzünden lassen. Der Tanz der Flammen allerdings war nicht mehr so ungestüm wie noch vor kurzer Zeit, das Holz war zu schwarzen Kohlen herunter gebrannt.
Braegg schaffte es zum Schwarzstein, ohne zu wanken, eine bemerkenswerte Leistung, wie er fand. Dann sah er zurück zur Waldbresche. Der Stamm, der sich mittlerweile vollzählig auf dem Dorfplatz versammelt hatte, Männer und Frauen, Kinder und alte, gebeugte Darhi wie Braegg selbst, beobachtete ihn, er fühlte ihre Blicke. Irgendwo zwischen all den Leibern und Hörnern sah Braegg die schlohweiße Mähne von Marra, der Seherin. Wann war sie zurückgekehrt? Sie war vor Tagen in den Wald gegangen, um Kräuter zu sammeln. Es war eine gute Zeit für Kräuter, für das Schnellblutgras und den Ried am Fluß, für Llhumbeeren und Nachtmoos. War sie wegen ihm zurückgekommen? Er war dankbar für ihre Anwesenheit. Für einen kurzen Moment kreuzten sich ihre Blicke, doch er konnte in ihren blassgrünen Augen nicht lesen, wie in den Augen der anderen Darhi. Sie sah ihn an, beobachtete, doch sie sprach nicht, ihre Augen waren genau so stumm wie ihre Zunge – so, wie es sich für eine Seherin gehörte.
Rahi sprang von dem Felssims über der Geisterhöhle herunter, landete geschmeidig und kraftvoll neben dem Geisterrufer. Auch er sah zur Bresche.
Ein riesiger Darh näherte sich mit langsamen, gleichmäßigen Schritten dem Dorfplatz. Er hatte die Bresche passiert, ohne anzuhalten und steuerte direkt auf den Schwarzstein zu. Seine Haut war von so einem dunklen Blau, dass sie beinahe schwarz wirkte, die Mähne glänzte silbrig weiß, genau wie die Krallen. Seine Augen hatten ein so sattes Grün, dass Braegg unwillkürlich an Llhumstrauchblüten im Frühling denken musste. Der Darh gab ohne Zweifel eine beeindruckende Gestalt ab, nicht nur wegen seiner auffälligen Farbe oder seiner Größe – er konnte sich mit den mächtigsten Jäger des Stammes messen – oder wegen den Muskelsträngen, die sich unter seiner Haut bewegten. Jeder Darh konnte sehen, dass der Fremde ein mächtiger Geisterrufer war – seine Geister folgten ihm, unsichtbar und unhörbar, dennoch anwesend. Braegg konnte ihre Präsenz spüren, und er wusste, dass die anderen Darhi des Stammes sie ebenso deutlich wahrnehmen mussten.
Rahi trat vor, richtete sich auf, spreizte die Flügel. „Wer bist du, Fremder?“, wollte er wissen, wie es die Sitte verlangte. „Wieso kommst du in unser Land?“
„Ich bin Nirk vom Stamm der Regenwächter, von der anderen Seite des Schnellen Wassers. Ich komme auf Ersuchen des Geisterrufers Braegg. Ich komme, um ihn zu ersetzen. Ich komme, um seine Geister zu übernehmen und sein Haus zu beanspruchen.“
Der Stamm murmelte und raschelte mit den Flügeln und mit den Mähnen. Rahi schwieg und sah Braegg mit einer Mischung aus Trauer und Entsetzen an.
„Ich bin alt, Clanführer. Alt und grau“, sagte Braegg. „Ich habe keine Nachfolger im Stamm, du weißt selbst, was mit meinem letzten Lehrling passiert ist.“ Jeder wusste es. Der junge Darh, den Braegg ausgebildet hatte, in der Hoffnung, dem Stamm einen würdigen Nachfolger zu geben, wurde von bösen Geistern heimgesucht und aß genug Llhumpaste, um den halben Stamm zu vergiften. Er starb am selben Tag, getötet vom eigenen Wahnsinn. „Ich kann die Große Jagd nicht mehr leiten, ich kann meine Geister nicht mehr hören“, sagte Braegg. Seine Stimme kratzte unangenehm in seinem Hals. Er wollte nicht sprechen, und doch mussten Dinge gesagt werden. „Nirk ist jung, doch seht, wie stark er ist, seht seine Macht.“
Nirk breitete bei diesen Worten seine Flügel aus, richtete sich auf, zeigte sich dem Stamm. Braegg sah ihm zu, betrachtete seine silbernen Krallen, seine gebleckten Fänge, weiß und scharf und todbringend. „Mögen die Geister geben, dass seine Weisheit genau so groß ist! Mögen die Geister geben, dass er dem Stamm genau so gut dient, wie ich es habe!“
Braegg nahm seine Kraft zusammen und trat vor. Er gab sich Mühe, nicht zu wanken. Es würde keinen guten Eindruck machen, es würde ihn mit Schande erfüllen, wenn er jetzt das Gleichgewicht verlor und fiel.
Er war müde, so müde.
Nur noch ein wenig, sagte er sich. Nur noch einige Schritte.
Nirk neigte sich zu ihm, seine Nase berührte Braeggs Nacken. „Wir hatten viele Worte getauscht, alter Mann“, flüsterte er leise, nur für Braegg zu hören. „Viele Worte im Rauch des Feuers, im Rauschen der Blätter, im Singen des Flusses.“
„Das haben wir, mein Freund“, entgegnete Braegg. Er wusste jedoch, dass Nirk nicht sein Freund war, nicht der schwarze Nirk von den Regenwächtern. Er hoffte nur, dass Nirk ein Freund für seinen Stamm sein konnte. „Kennst du mein Haus und meinen Stamm?“, fragte er lauter, damit sein Stamm ihn hören konnte.
„Ich kenne dein Haus und deinen Stamm“, entgegnete Nirk mit tiefer, grollender Stimme. „Ich kenne deine Geister.“ Er hob eine Hand, griff nach Braeggs Stab, um ihn an sich zu nehmen. Braegg ließ los, sah den Stab ein letztes Mal an, sah den dunklen Glanz des Eisens, die Spuren seiner Krallen auf dem Schaft. Er wankte nicht. Nirk hob die andere Hand, legte ihn auf Braeggs Brust.
„So sei es“, sagte Braegg. Er war müde, so müde. Etwas zerriss in seinem Inneren, er könnte es spüren. Er war nicht mehr traurig. Es wurde Zeit. Warum tat es nur so weh?
„So sei es“, wiederholte Nirk. „Ich kenne dein Haus, deinen Stamm, deine Geister. Ich nehme sie an mich.“
Der schwarze Darh neigte abermals seinen Kopf zu Braegg, berührte seine Wange mit den Lippen. „Und ich kenne dein Blut“, flüsterte er in sein Ohr. „Ich nehme es an mich.“
Seine Krallen bohrten sich in Braeggs Brust, gruben sich zwischen seine Rippen. Seine Fänge stachen durch die Haut an Braeggs Nacken, in der gleichen Weise, wie Braegg selbst im Liebesspiel den Nacken der Frauen, die er beansprucht hatte, aufriss, aber das hier tat so weh, warum tat es nur so weh? Nirk hob Braeggs Stab, holte aus, doch bevor er zuschlagen konnte, brach der alte Geisterrufer zusammen, seine Kraft hatte ihn zusammen mit dem Blut, das aus seinen Adern strömte, verlassen.
„Ich kenne dein Leben“, rief Nirk. „Ich nehme es an mich.“
Braegg atmete tief ein. Die Eisenspitze des Stabes senkte sich in die Wunde, die Nirks Krallen gerissen hatten. Der Schmerz verblasste, und mit ihm auch die Müdigkeit und alles Andere. Die Atemluft entwich seinem geöffneten Maul.
Braegg erhob sich und stieß sich von der Erde ab, schlug mit den Flügeln, flog, immer höher und höher hinauf, und da war der Dorfplatz und der Schwarzstein, und sein Stamm, dem er acht Jahrzehnte lang den Weg gewiesen hatte, und da war Nirk, Nirk der Schwarze von den Regenwächtern, und ein Haufen Aas neben Nirks Füßen. Der Stab des Geisterrufers schmiegte sich in Nirks Hand, glänzte in den Strahlen der Abendsonne, und Nirk hatte sich aufgerichtet und rief die Geister, die Braegg gehört hatten. Braegg spürte, wie Nirks Ruf auch an ihm zerrte, doch seine Schwingen trugen ihn fort, immer weiter fort, in die Nebel, die von den Khaertbäumen aufstiegen und über den Wäldern lagen.
Nun, endlich, war Braegg frei.