2 – Dreya

Dreya rannte, so schnell sie konnte, über die Hauptstraße, glitt zwischen Passanten, Lastträgern und Reittieren hindurch, wich einem Peitschenhieb aus, tauchte zwischen zwei alten Backsteinhäusern in eine Seitengasse, duckte sich hinter einen voll beladenen Karren und verharrte, bemüht, ihren Atem unter Kontrolle zu bringen. Nur einen kleinen Augenblick Ruhe. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, ihr Brustkorb drohte zu zerreißen. Alles tat weh. Sie presste die Lippen zusammen und schob sich an der staubigen Hauswand vorbei. Sie musste weiter, sie konnte hier nicht bleiben. Sie waren zu nah, viel zu nah. Sie konnte ihre dunkel gekleideten Gestalten beinahe spüren, nur wenige Häuserreihen entfernt. Die Hauptstraße würde ihre Verfolger genau so wenig aufhalten wie Dreya selbst. Sie waren zu schnell, zu geschickt. Zu gefährlich.
Sie musste fliehen. Doch wohin? Dreya hatte ihr Revier im äußeren Handelsviertel von Dar-Arrat schon lange hinter sich gelassen. Ihre Verfolger hetzten sie durch Straßen, die sie nicht kannte, die fremd und verwirrend waren. Mehrmals hatte sie Runden gedreht, ihre Spuren auf jede erdenkliche Weise verwischt, war über Dächer, durch Kellerfluchten und Wohnhäuser gekommen, in der Hoffnung, sie würde die zwei Männer auf diese Art abhängen. Und doch kamen sie immer näher, unbeirrbar, unaufhaltsam. Sie ließen sich nicht verwirren und gaben auch nicht auf, auch schien ihnen diese irrsinnige Jagd nichts auszumachen, während sie ihre letzte Kraft bald verbraucht hatte. Jeder Schritt war eine Herausforderung.
Eine weitere Kreuzung, eine weitere Reihe verrauchter, schmutziger Backsteinhäuser. Eins klebte am anderen, und auf den flachen Schieferdächern hatte man grobe Holzhütten errichtet, die mit Brücken und Stoffbahnen verbunden waren. Überall waren Menschen, heruntergekommen und schmutzig. Sie musste in den südlichsten Bezirken der Stadt sein, wo es heiß und staubig war und wo die meisten Leute nichts besaßen bis auf ihr nacktes Leben. Wenn sie noch weiter nach Süden ginge, würde die Stadt irgendwann aufhören und der Wüste weichen.
Sie rannte, um jeden Atemzug ringend.

Vor wenigen Stunden war alles in Ordnung gewesen, so sehr, wie es in ihrer Situation nur sein konnte. Dreya hatte Aussichten auf eine gute Beute, ein anständiges Essen und vielleicht eine Nacht in einem anständigen Bett.
Ein fremdländischer Handelsreisender war auf dem Marktplatz auf sie aufmerksam geworden und hatte ihr ein paar Münzen zugesteckt. Doch da, wo diese Münzen herkamen, war noch viel mehr zu holen. Wie üblich hatte sie ihn abseits von dem Trubel geführt, an einen schattigen Ort zwischen zwei Lagerhallen. Sie lachte und flüsterte verlockende Worte in sein Ohr, schmiegte ihren schlanken Körper an seinen Wanst. Der Mann war alles andere als attraktiv, aber er war reich und schien geneigt, seinen Reichtum auf die eine oder die andere Art loszuwerden, und nur das zählte für sie. Sie kicherte und täuschte Verlegenheit vor, als er seine Hand unter ihr fadenscheiniges Hemd schob, stöhnte betont wollüstig, als er ihre Brüste knetete. Es gefiel ihm. Er grunzte und atmete schwer. Als sie daran ging, seinen Hosenbund zu öffnen, presste er sein Gesicht an ihren Hals, kratzte mit seinem Bart an ihrer Haut und küsste mit feuchten Lippen ihre Schulter. Er schwitzte und sein Atem roch schlecht. Dreya musste sich beherrschen, um ihr Spiel fortzusetzen.
Es war beinahe so weit. Seine Aufmerksamkeit galt allein ihr und dem, was ihre Hand zwischen seinen Beinen tat. Die andere Hand glitt währenddessen in seine Westentasche, schloss sich um den Geldbeutel darin, zog ihn langsam heraus. Alles lief nach Plan.
Bis er sich plötzlich aufrichtete und sie von sich stieß.
„Du diebische Hure!“ – donnerte er. Sie wusste nicht, wie er ihr Treiben bemerken konnte, wusste nicht, woher das Messer in seiner Hand kam. Aber das zählte nicht. Etwas geschah in ihr. Eine gespannte Sprungfeder entfaltete sich. Sie tänzelte zur Seite, er stolperte über seine heruntergelassene Hose, verlor beinahe das Gleichgewicht. Dieses Zögern reichte ihr aus, um das Messer aus seiner Hand zu entwenden und es bis zum Griff zwischen seinen Rippen zu versenken.
Plötzlich war alles anders.
Die Zeit schien sich zu dehnen. Unendlich langsam schob sich seine Hand an ihre Kehle, sein Mund öffnete sich, aber kein Ton kam heraus. Dreya riss an dem Messergriff. Er steckte fest. Sie zog erneut, hörte, wie die Schneide an den Rippen entlangschabte, spürte, wie sie freikam. Der Händler hatte ihren Hals umklammert, fest entschlossen, sie mit in den Tod zu reißen. Sie stach in seinen Arm, in seine Hand, in seine Schulter, ließ das Messer fallen, holte aus und schlug ihm aus aller Kraft ins Gesicht. Endlich ließ er von ihr ab, fiel nach hinten um, das Gesicht zu einer Fratze verzerrt.
Für einen Moment blieb sie reglos stehen. Blut tropfte von ihren Fingern. Sie sah herunter, beobachtete, wie es einen kleinen dunklen Fleck im Staub bildete.
„Was haben wir denn da?“ – fragte eine tiefe Stimme.
Dreya drehte sich zu der Stimme um, das Hemd geöffnet, die Hände voller Blut.
„Wer bist du, dass du denkst, du kannst auf offener Straße töten?“
Sie starrte den Mann an, die breite Schärpe aus schwarzem Leder, die er trug, seine dunkle Robe, die verzierten Bänder, mit denen seine Zöpfe gebunden waren. Ein Priester von Raan. Hinter ihm baute sich die bedrohliche Gestalt seines Wächters auf.
Sie drehte sich um und rannte.

Dreya war nicht schnell genug.
Sie wäre es gewesen, wenn der Schattenkrieger nicht plötzlich vor ihr aufgetaucht wäre. Sie konnte schwören, dass er aus dem Nichts getreten war. Ein eisig kalter Luftzug blies ihr entgegen, trotz der Wüste, die die letzten Straßenzüge der Stadt umgab.
Er sprach nicht, doch seine Augen sagten alles. Ihre Flucht war vorbei – und mit ihr auch ihr Leben in Freiheit. Es hatte keinen Sinn, sich zu wehren.
Der Schattenkrieger griff nach ihr, und ihre Beine gaben unter ihr nach. Der Atem rasselte in ihrer Brust, sie keuchte und hustete. Er drehte ihre Hände hinter ihren Rücken. Etwas zähflüssiges, kaltes – lebendiges? – wickelte sich um ihre Handgelenke, kroch über ihre staubige Haut.
Sie schrie und wand sich, bis die Hand des Mannes sich über ihren Mund legte und er sie so an seine Brust drückte, dass sie keine Luft mehr bekam. Sie spürte, wie Tränen über ihre Wangen rannten.
Der Priester tauchte in ihrem Blickfeld auf. Er schien nicht im Geringsten erschöpft zu sein, er sah überhaupt nicht aus, als wäre er gerade stundenlang durch staubige Straßen geeilt.
„Du hast einen bekannten Handelsreisenden aus dem Tanu Geddan getötet.“
Er sprach leise, aber die Endgültigkeit, die in seiner Stimme lag, raubte die letzte Kraft aus ihren Gliedern. Sie hing reglos in dem eisernen Griff des Schattenkriegers.
„Wir könnten dich der Stadtwache übergeben“, sagte er lächelnd. Die Art, wie er lächelte, sagte ihr, dass ihr Leben bei der Stadtwache sehr kurz und schmerzhaft sein würde. „Aber das wäre Verschwendung.“ Nun grinste er, und ihre Eingeweide zogen sich in kalter Angst zusammen. Er blickte über sie hinweg zu seinem Schattenkrieger.
„Bring sie in den Tempel, Fereth.“