1 – Kandarh

Plötzlicher Schmerz riss ihn aus der Dunkelheit des Schlafes und brachte ihn in die Dunkelheit seiner Kammer. Eine Grubenratte hockte auf seiner Brust und starrte ihn mit leeren Augen an.
Kandarh blinzelte.
Der Grubenratte fehlte es an Gewicht und Substanz, und ihre Konturen waren undeutlich und verschwommen. Nichtsdestotrotz schlug sie abermals ihre gebogenen Krallen in seine Haut.
Kandarh unterdrückte seine erste, instinktive Reaktion, das Biest verbannen zu wollen. Es war nur ein niederer Takh, schwach und undefiniert, von allein nicht lebensfähig. Jemand musste ihn gerufen und auf Kandarh angesetzt haben. Jemand, der nicht in der Lage war, einen anständigen Schatten zu beschwören.
Das Bild von einem jungen Anwärter, dem er vor wenigen Tagen auf dem Trainingsplatz eine schmerzhafte Lehre erteilt hatte, flackerte vor seinen Augen auf.
Kandarh griff nach dem Takh, senkte die Finger in das kalte, ölige Innere des Schattenwesens und entzog ihm die Kraft. Der Takh zuckte und waberte und löste sich auf. Die Schattenkraft breitete sich kalt und grimmig in seinem Körper aus, mischte sich mit dem nagenden Schmerz in der Brust und dem warmen Blut, das in einem dünnen Rinnsal über seine Seite kroch und verschmolz zu einem intensiven Rauschgefühl. Kandarh schauderte und stöhnte vor Erregung.
Er hatte jedoch keine Zeit, um darin zu schwelgen. Ein kaum hörbares Flüstern vor der Tür wurde von einem unterdrückten Laut der Enttäuschung unterbrochen – der Anwärter muss gespürt haben, dass sein Schatten nicht mehr existierte.
Kandarh strich die Decke beiseite und kam auf die Beine. Seine Muskeln fühlten sich steif an – er war am Vorabend früh ins Bett gegangen und hatte zu lange geschlafen.
Er streckte die Hand nach der Knochenklaue aus, die, wie üblich, im Waffenregal am anderen Ende der Kammer hing. Ihre Umrisse waberten, sie verschwand, um einen Bruchteil eines Augenblicks später in seiner Hand aufzutauchen. Seine Finger schlossen sich um den vertraut rauen Griff.
Mit einer lautlosen Bewegung glitt er zur Tür, genau in dem Moment, als sie aufging, und hinter den Mann, der in geduckter Haltung ins Zimmer trat. Kandarh griff nach der Schulter des Eindringlings, riss ihn herum, erlaubte sich einen Blick in das verbissene, blasse Gesicht des jungen Mannes, in seine grauen, gepeinigten Augen.
„Es tut mir Leid“, sagte er.
Die Knochenklaue bohrte sich durch den Stoff seiner Weste und senkte sich mühelos zwischen seine Rippen. Der Mann blinzelte, keuchte erstaunt, seine Hände zuckten erfolglos.
„Allerdings nicht Leid genug“, sagte Kandarh und zog die Klaue aus ihm heraus. Blut wallte aus der Wunde, und Kandarh ließ den Mann los und trat zurück. Der Anwärter fiel nach hinten, schlug gegen die Tür und rutschte an ihr zu Boden herab. Sein Blick wurde glasig.
Kandarh seufzte und trat über die Beine der Leiche in den Gang.
„Talish!“ – rief er. Seine Stimme wurde von den glatten Steinwänden zurückgeworfen und verhallte irgendwo in den Tiefen des mit Gängen, Kammern und Hallen durchzogenen Berges.
Nur wenige Augenblicke später tauchten zwei gebeugte Gestalten auf, kamen mit furchterfüllten Blicken zu ihm heran.
„Ich habe heute besonders viel Abfall“, sagte Kandarh in einem alltäglichen Ton. „Räumt ihn weg. Und macht die sauber.“
Er drückte die Knochenklaue einem der Sklaven in die Hand und kehrte wieder in seine Kammer zurück, wobei er abermals über die Leiche treten musste.
Kandarh verspürte keine Genugtuung über die Tatsache ihres Vorhandenseins. Keine Erleichterung, einen Feind weniger im Tempel zu haben, oder Schadenfreude über das klägliche Versagen eines Konkurrenten, nur ein leises Bedauern über ein verschwendetes Leben.
Er sah den Toten an, während er sich anzog. Die Sklaven waren davongelaufen – wohl um Verstärkung zu holen, oder um über den Vorfall zu berichten, oder beides. Es war ihm gleich. Der Tote hatte ein schmales, ebenmäßiges Gesicht und lange, hellbraune Haare, zu einem Zopf gebunden. Ein junger, gutaussehender Mann. Der starre Blick seiner grauen Augen wirkte verständnislos, verwirrt.
Kandarh schüttelte mit dem Kopf, wischte seine zerkratzte Brust mit dem blutbefleckten Bettlaken ab und warf es auf die Leiche, um sie zu bedecken. Fast empfand er Reue darüber, den Mann getötet zu haben – aber nur fast. Der Anwärter hatte Schatten auf ihn gehetzt, war in seine Kammer eingedrungen, hätte vielleicht versucht, seine Kraft zu stehlen oder ihn selbst zu töten. Es war notwendig gewesen. Das Leben im Tempel von Raan erlaubte keine Fehltritte und hatte keinen Raum für Mitgefühl. Man musste schnell und geschmeidig sein wie ein Schatten, kalt und hart wie der Stein der uralten Mauern. Anderenfalls wurde man im besten Fall zu Futter für die Takh.
Als er fertig war, sich anzuziehen und seine Haare zu kämmen, kamen die Talish zurück, um die Leiche fortzuschaffen und das Blut vom Boden zu wischen.
Kandarh trat an ihnen vorbei und lief durch die kahlen, spärlich beleuchteten Steingänge der inneren Anlage zu den Essräumen, wo sich bereits die ersten Priester zum Frühstück einfanden. Sie hatten oft einen unruhigen Schlaf und waren daher für gewöhnlich früh auf den Beinen – nicht so Kandarhs Kameraden, die normalerweise erst mit dem ersten Hornstoß aufstanden.
Er griff sich einen Becher und füllte ihn mit heißem Kräuterbräu. Auf dem Weg zu seinem üblichen Platz hielt ihn ein müder Krieger aus der Wächterkompanie an.
„Was ist das für eine Aufregung hinten gewesen?“ – fragte er. „Die Talish sind ganz durcheinander.“
Kandarh sah ihm in die Augen, dachte nach.
„Ein Anwärter ist in meine Klaue gelaufen“, antwortete er schließlich. „Nichts weiter.“