3 – Dreya

Dreya fiel der Länge nach hin, wand sich herum, schaffte es schließlich, sich aufzusetzen. Das Ding, womit ihre Hände gebunden waren, war pechschwarz und glänzte ölig. Die ganze Ähnlichkeit mit einem Seil beschränkte sich lediglich auf die Form. Es fühlte sich kalt an und schien lebendig zu sein. Sie hatte keine Ahnung, was es war, und war sich nicht sicher, ob sie eine haben wollte. Eine grenzenlose Schwere hatte sich ihres Körpers bemächtigt. Das Blut pulsierte in ihren Ohren, jeder Atemzug schmerzte.
Der Schattenkrieger sah sie von oben herab an, reglos, schweigend, furchterregend in seiner dunklen Lederkleidung. Seine langen Haare waren mit dünnen Lederbändern in eine Vielzahl von Zöpfen gebunden, genau wie die das Priesters, die Bänder waren jedoch ohne Verzierung.
Der Priester grinste breit. Er konnte nicht älter sein als Dreya selbst, sein Gesicht war glatt, die Haut makellos, und doch hatte er eine Finsternis in seinem Blick, die sich direkt in ihre Eingeweide bohrte. Sie schauderte und starrte den Staub an.
„Ich werde die Stadtwache benachrichtigen“, verkündete er. „Nimm die Reitechse und kehre zum Tempel zurück, Fereth. Wir werden uns dort treffen.“
„Sei achtsam“, sagte der Schattenkrieger. Er hatte eine tiefe, melodische Stimme und der freundliche, weiche Tonfall seiner Worte überraschte Dreya. „Die Stadt ist nicht ungefährlich.“
„Für mich?“ Der Priester schnaubte verächtlich.
„Ich weiß um deine Stärke, Takharshan, aber erinnere dich an Damar und Isal.“
„Damar war ein Fußabtreter, er…“ Der Priester unterbrach sich und fauchte. „Es reicht. Geh.“ Er drehte sich um und setzte sich in Bewegung. Dreya hob den Blick und sah ihm hinterher, bis seine Umrisse zu wabern anfingen und er verschwand, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen.
Der Schattenkrieger seufzte und schüttelte mit dem Kopf. „Dein Hochmut wird dein Fall sein“, murmelte er und schien sich erst dann auf seine Aufgabe zu besinnen.
„Steh auf“, befahl er, ohne sie anzusehen.
Dreya gehorchte, zumindest versuchte sie es, aber ihr Körper zog ihr einen Strich durch die Rechnung. Ihre Beine knickten unter ihr ein und sie landete wieder mit dem Gesicht im Staub.
„Steh auf!“
Sie drehte sich herum, aber der Versuch, sich aufzurichten, blieb auch diesmal fruchtlos. Die Hilflosigkeit und der brennende Schmerz, der ihre Glieder überzog, brachten ihr Tränen in die Augen.
Fereth griff nach Dreyas Schultern, zerrte sie hoch. Sie hatte Mühe, das Gleichgewicht zu bewahren, blieb jedoch stehen. Die Luft war heiß und trocken in ihren Lungen.
„Wärst du nicht gerannt, hättest du dir jetzt Schwierigkeiten erspart“, sagte er genervt. „Komm!“
Er packte ihren Oberarm und zog sie hinterher und ihr blieb nichts anderes übrig, als zu folgen, auch wenn ihre Beine bei jedem Schritt nachzugeben drohten. Ihr Atem rasselte in der Brust, ihre Lippen waren trocken und aufgeplatzt.

„Was geschieht jetzt?“
Sie hatten bereits mehrere Kreuzungen passiert. Sie hatte sich mit dem Laufen abgefunden, der Schmerz in ihren Muskeln war zu einem dumpfen Summen geworden, der sich ertragen ließ. Erst als der Schattenkrieger anhielt und sich zu ihr umdrehte, wurde ihr bewusst, dass die raue, kratzende Stimme ihre eigene war.
„Wir kehren in den Tempel zurück“, sagte der Schattenkrieger.
Aus dem Augenwinkel sah sie Menschen, die an ihnen vorbeigingen, ohne stehen zu bleiben, ohne sie anzusehen. Sie drehten sich weg von dem Schattenkrieger, damit ihr Blick ja nicht an ihm hängen blieb, beschleunigten ihre Schritte, als sie ihn passierten. Sie fürchteten ihn.
„Was… geschieht dann?“, wollte sie wissen.
„Ich bin mir nicht sicher“, sagte er. „Vielleicht töten sie dich gleich. Vielleicht nicht.“
Irgendwas in seinem Tonfall sagte ihr, dass ein schneller Tod der Alternative vorzuziehen wäre. Sie schauderte, presste die Lippen zusammen.
„Warum hast du ihn getötet?“
„Hätte ich mich abstechen lassen sollen?“, zischte sie. Eine Welle heißer Wut überkam sie, gab ihr Kraft, sich aufzurichten und dem Schattenkrieger ins Gesicht zu sehen. Irgendwo in ihrem Hinterkopf sagte eine leise Stimme, dass es gefährlich war, dass sie es bereuen würde, sich aufzulehnen. Doch was hatte sie zu verlieren?
Er blinzelte.
„Ich verstehe“, sagte er. „Es ist… bedauerlich. Aber es ist nicht zu ändern.“
„Nein“, murrte sie und wollte weitergehen.
Er blieb stehen und der Ruck brachte sie beinahe wieder zu Fall. Dreya starrte ihn grimmig an.
„Nein“, sagte er. „Es ist weit. Ich habe keine Lust, zu laufen. Ich werde jemand anderen nach der Reitechse schicken.“
Ohne eine weitere Erklärung legte er die Arme um ihre Schultern, drückte sie an seinen Körper. Im ersten Moment war sie zu verblüfft, um sich zu wehren, doch im nächsten versuchte sie, zurückzuweichen.
„Still“, befahl er. „Es sei denn, du willst dich den Schatten ergeben.“ Seine Finger bohrten sich schmerzhaft in ihren Rücken, als er sie wieder an sich heranzog. „Still.“
Die Welt wurde dunkel. Eisig kalter Wind schlug ihr ins Gesicht, dicht gefolgt von einem Schwall von unverständlichen Stimmen. Etwas schrie in der Ferne. Etwas flüsterte ihr ins Ohr, strich über ihre Wange, ritzte ihre Haut auf.
Dreya kreischte und wand sich, doch der Schattenkrieger hielt sie in einem eisernen Griff. Sie hörte, wie er etwas sagte, doch seine Stimme ging in dem Tosen unter, das sie umgab.
Und genau so plötzlich, wie es begann, war es vorbei, doch sie waren nicht mehr dort, wo sie eben noch gewesen waren, die Wüste war fort, die Stadt war fort, gewichen einer riesigen Felswand. Der Schattenkrieger ließ sie los, sie schwankte, behielt nur durch ein Wunder das Gleichgewicht.
„Sie haben dich gesehen“, sagte er überrascht, berührte ihre Wange. Sie zuckte instinktiv zurück. Er nahm die Hand weg und betrachtete irritiert das Blut auf seinen Fingerspitzen. „Wer bist du?“
„Eine Markthure“, zischte sie.
Er schüttelte mit dem Kopf. „Wie ist dein Name?“
„Dreya“, sagte sie nach einem kurzen Zögern, verwirrt durch seinen Sinneswandel, durch die abrupte Veränderung der Umgebung.
Sie standen auf einer in den Fels geschnittenen Terasse. Es gab kein Geländer, und ein Blick herunter offenbarte eine schwindelerregende Tiefe. Sie sah schnell weg und ihre Aufmerksamkeit blieb an der eisenbeschlagenen Tür in der Felswand hängen.
„Sind wir… im Tempel?“, wollte sie wissen.
„Ja“, sagte er. „Allerdings nicht da, wo wir sein sollten.“
Sie sah ihn irritiert an. Es ließ sich nicht mit ihrem bisherigen Weltbild vereinbaren, dass ein Schattenkrieger nicht unfehlbar war. Sie hatte genug Geschichten über sie gehört, die sie als furchtbare, blutrünstige Monster beschrieben, die zur Hälfte in der Schattenwelt lebten und sich von Menschenfleisch ernährten – zu diesem Zweck nahmen sie jene mit in den Tempel, die sie fangen konnten – solche wie sie. Zum ersten Mal musste sie an dem Wahrheitsgehalt dieser Geschichten zweifeln.
Der Schattenkrieger war nur ein Mann. Groß, zäh und geschickt und mit Fähigkeiten, die ihr Verständnis bei Weiten überstiegen, aber doch nur ein Mann, der gerade ziemlich verwirrt dreinblickte.
„Die Schatten sehen dich, Dreya“, sagte er und rieb sich über das Gesicht. Plötzlich löste sich das schwarze Band um ihre Hände auf, sie zuckte erschrocken zusammen, verlor das Gleichgewicht und fiel auf ihren Hintern.
Er seufzte und streckte ihr die Hand aus.
„Komm schon“, forderte er sie auf, als sie ihn nur verwundert anstarrte. Es dauerte einige Augenblicke, bis sie ihre neu entfachte Angst überwunden hatte, nach der Hand griff und sich wieder hochziehen ließ.
„Was geschieht jetzt?“
Er ließ ihre Frage unbeantwortet. „Komm mit.“
Er öffnete die Tür und gab die Sicht auf einen dunklen Gang mit niedriger Decke frei. Unsicher folgte sie ihm hinein.
Der Gang machte bald eine scharfe Drehung und mündete in eine große Halle, erleuchtet von blau glühenden Steinen, die in silbrig schimmernden Fassungen in regelmäßigem Abstand an den Wänden angebracht waren.
Bis auf einen langen Steintisch in der Mitte war die Halle leer und schien hauptsächlich als Kreuzung zu dienen – viele weitere Gänge führten von ihr weg.
„Sieh niemanden an. Bleib nicht stehen. Sprich kein Wort, bis ich dich dazu auffordere“, befahl der Schattenkrieger – Fereth, erinnerte sie sich.
Sie gingen weiter und sie gehorchte ihm, indem sie den Blick an seine Fersen heftete und sich an seine Hand klammerte. Die düsteren Gänge und Hallen, eine größer als die andere, die sie durchquerten, machten ihr ein mulmiges Gefühl. Ab und an schien etwas an der Wand entlang zu huschen, doch sie traute sich nicht aufzusehen. Mehrmals liefen Menschen an ihnen vorbei, doch sie sprachen nicht und blieben nicht stehen.
Dreya verlor völlig die Orientierung. Sie schienen immer tiefer in den Berg einzudringen. Mit jeder Treppe, die sie hinunterstiegen, wurde es kälter. Ab und an roch es nach Rauch und Leder oder nach trockenen Kräutern. Sie hörte immer mehr Stimmen um sie herum, verstand aber keinen zusammenhängenden Satz.
Unerwartet blieb Fereth stehen und sie stieß gegen seinen Rücken.
„Ich habe dich nicht so früh zurück erwartet.“
Sie erkannte die Stimme des Priesters.
„Ich bin über die Schattenwege gekommen.“
„So? Nun, das soll mir gleich sein.“
Fereth wurde beiseite geschoben und ließ dabei ihre Hand los. Sie wagte es nicht, den Blick zu heben, krümmte den Rücken und zog den Kopf zwischen die Schultern ein.
„Warum ist sie nicht gebunden?“
Sie spürte, wie ihre Hände nach hinten gezogen wurden, doch als sie den Kopf drehte, sah sie nichts. Eine unsichtbare Kraft hatte sich ihrer bemächtigt. Sie sah hilfesuchend zu dem Schattenkrieger. Ihre Blicke begegneten sich.
„Ralik, sie…“
„Du hast mich mit nichts Anderem als Takharshan anzusprechen, Wächter! Bestimmt hast du auch die Reitechse in der Stadt gelassen!“
Fereth zuckte zusammen, wie von der Peitsche geschlagen, senkte die Schultern.
„Ja, Takharshan“, sagte er gezwungen. „Ich habe deine Befehle missachtet. Ich hatte meine Gründe.“
Dreya glaubte, Abscheu in seiner Stimme herauszuhören, war sich jedoch nicht sicher. Ihre Hände waren wieder mit dem kalten, ölig glattem Band gebunden, das zu pulsieren schien. Sie schluckte, doch ihr Mund war so trocken wie noch nie.
„Deine Gründe interessieren mich nicht. Du wirst meine Befehle nicht wieder missachten, Wächter.“ Der Priester grinste breit. „Geh zurück nach Dar-Arrat und bring meine Reitechse in die Tempelställe.“
Fereth sah den Priester schweigend an. Ein Muskel zuckte in seiner Wange, bis er tief Luft holte und sie seufzend ausstieß.
„Wie du willst, Takharshan. Was hast du mit ihr vor?“
„Das“, und der Priester grinste noch breiter, „ist ganz allein meine Sache.“
Er machte eine schnelle Handbewegung, Dreya wurde von einer unsichtbaren Macht gegen die Wand geschleudert und verlor das Bewusstsein.