4 – Dreya

Ein undeutliches Murmeln, von einem gepeinigten Stöhnen unterbrochen, rief Dreya zurück in die Realität. Ihre Augenlider waren verklebt und gehorchten nicht. Sie wollte sie reiben und stellte fest, dass sie ihre Hände nicht bewegen konnte. Schließlich gelang es ihr durch heftiges Blinzeln die Augen so weit zu öffnen, dass sie ihre Umgebung erkennen konnte. Nicht, dass es da viel zu sehen gab.
Sie war in einer kleinen, fensterlosen Kammer und saß auf dem Boden an an einer Steinwand angelehnt. Ihre Hände waren an die Wand festgebunden, diesmal mit einem richtigen Seil. Probeweise zog sie daran. Das Seil war dick und fest und an Metallklammern befestigt, die tief im Stein steckten. Jede Bewegung schmerzte, also ließ sie es wieder bleiben.
Das spärliche Licht in der Kammer ging von einem blauen Stein in einer Metallfassung aus – diese leuchtenden Steine hatte sie auf ihrem Weg durch den Berg gesehen. Offenbar befand sie sich immer noch im Tempel, wofür auch die massiven Steinwände der Kammer sprachen. Es war kalt. Vermutlich hatte man sie in einen Bereich gebracht, der sehr tief unter der Erde lag, denn in Dar-Arrat war Hochsommer und die Luft flirrte vor Hitze.
Sie leckte sich über die trockenen Lippen, aber das brachte keine Erleichterung. Sie hatte Durst, der noch stärker wurde, als sie bemerkte, dass es in der von ihr am weitesten entfernten Ecke von der Decke tropfte. Eine dunkle Pfütze hatte sich darunter gebildet.
Das Murmeln erklang wieder, gefolgt von einem leisen Stöhnen. Dreya drehte den Kopf zur Seite und sah, dass sie nicht allein in der Kammer war. Drei Schritte von ihr entfernt war ein Mann an die Wand gekettet. Er schien nur ein mit Haut überzogenes Gerippe zu sein, so ausgemergelt war er. Bis auf einen Stofffetzen, das um seine Brust gewickelt war, war er nackt. Der Stoff glänzte dunkel im bläulichen Licht des Hellsteins, und es dauerte einen Moment, bis Dreya erkannte, dass er blutgetränkt war.
Der Mann bewegte erneut seine Lippen und Dreya versuchte, sein Murmeln zu verstehen, doch es schien keine ihr bekannten Worte zu enthalten. Er schauderte und stöhnte rau, dann lag er wieder still, den Kopf auf die Brust gesenkt.
Dreya schwankte zwischen Mitleid, Furcht und Abscheu, während sie ihn betrachtete. Würde sie selbst so enden, mehr tot als lebendig, ohne Hoffnung, je wieder die Sonne zu sehen, von Durst und Hunger und Schmerz geplagt?
„Hey“, rief sie und musste krampfhaft husten. Ihre Rippen schmerzten. Ein Blick auf ihre Brust offenbarte, dass ihr Hemd in Fetzten gerissen und die Haut darunter von frischen Blutergüssen übersät war. „Wer bist du?“
Der Mann versuchte den Kopf zu heben, gab es jedoch schnell wieder auf. „Talish“, sagte er kaum hörbar. „Wir sind eins.“
„Eins?“ Dreya war verwirrt.
„Wir sind… ohne Schatten.“
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Wo sind wir? Warum bin ich hier?“
„Wir sind Talish.“
Das schien die einzige Antwort zu sein, die sie von ihm bekam, gleich, was sie ihn fragte. Er musste verrückt geworden sein. Kein Wunder, wenn man seinen Zustand in Betracht zog.
Sie versuchte, eine weniger schmerzhafte Position einzunehmen, lehnte den Kopf gegen die Wand und wartete. Etwas Anderes blieb ihr nicht übrig. Das Sprechen kratzte ihr im Hals und ein besonders guter Gesprächspartner war ihr Nachbar ohnehin nicht.

Dreya wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als die Tür geöffnet wurde und sie von einem hellen Lichtschwall geblendet wurde. Sie musste eingeschlafen sein, falls man diese traumlose Schwärze so bezeichnen konnte. Vielleicht hatte sie auch wieder das Bewusstsein verloren.
Eine großgewachsene Gestalt stand im Türrahmen. Sie zog die Augenlider zu zwei engen Schlitzen zusammen, doch das Licht war zu hell, um hineinzusehen.
Die Gestalt trat in die Kammer und schloß die Tür hinter sich. In dem gewohnten Halbdunkel erkannte sie den Priester, der sie gefangen hatte. Ralik – so hatte ihn der Schattenkrieger genannt.
Er lehnte sich gegen die Tür, spielte mit seinen Haaren, indem er einen seiner Zöpfe um die Finger wickelte und wieder losließ. Sein Blick wanderte von dem ausgezehrten Mann zu Dreya.
„Ich sehe, du bist wieder wach.“
Er sprach mit einer zufriedenen, selbstsicheren Stimme, in die sich eine Spur Überheblichkeit mischte.
Dreya starrte ihn schweigend an, unsicher, ob sie in Panik verfallen oder sich an die kalte Wut in ihrem Inneren festhalten sollte. Die Wut half ihr, einen klaren Kopf zu bewahren, also entschied sie sich für für diese, klammerte sich an sie wie an ein Schutzschild.
„Warum bin ich hier?“
„Du erinnerst dich nicht?“ Er löste sich von der Tür, baute sich über ihr auf. „Du hast einen Reisenden aus dem Tanu Geddan auf offener Straße ermordet. Danach bist du geflohen – vor mir, einem Priester Raans. Wenn die Formalitäten mit der Stadtwache geklärt sind, wirst du Eigentum des Raantempels sein.“ Er warf einen Blick zu dem Mann, lächelte auf eine Art, die Dreya gar nicht gefiel. „Mein Eigentum.“
„Wie er?“, fragte sie mit scharfer Verzweiflung in der Stimme, die sie nicht unterdrücken konnte.
„Er?“ Der Priester sah zu dem nach wie vor reglosen Mann. Vermutlich war er bewusstlos geworden. „Er ist Abfall. Du dagegen bist jung und voller Kraft… nicht wahr?“
Er neigte sich zu ihr, brachte sein Gesicht auf eine Linie mit ihrem, fuhr mit den Fingerspitzen über ihre von dem Schattenwesen zerkratzte Wange, zunächst sanft, beinahe zärtlich, dann mit einer plötzlichen Kraft, als er mit einem Fingernagel die verkrustete Wunde aufriss. Sie schauderte und versuchte, sich der schmerzhaften Berührung zu entziehen.
„Hat er das gemacht, mein verräterischer Wächter? Hat er sich an meinem Eigentum vergangen?“ Er wischte mit dem Finger durch das Blut, sah es mit einem dünnen Lächeln an, bevor er es ableckte.
Plötzlich bewegte sich der Mann neben ihnen, stöhnte und keuchte, bevor er mit einer kratzenden Stimme sprach.
„Das war ein Takh.“
„Was murmelst du da?“ Ralik wirbelte herum, die Hand zur Faust geballt.
„Schlag mich, wenn du willst“, krächzte der Mann, „aber ich kenne die Krallenspur eines Takh… viel zu gut.“
„Unsinn“, deklarierte Ralik. „Das war Fereth. Er wollte meine kleine Markthure für sich. Sei still, wenn du leben willst.“
Der Mann gehorchte und war still. Sein Kopf fiel kraftlos zur Seite.
Dreya sah Ralik nicht an. Es war ihr klar, dass es keinen Sinn hatte, ihn um Gnade anzuflehen oder ihn nur um Wasser zu bitten. Dieser Mann war bösartig und erfreute sich an den Schmerzen anderer.
Sie kannte genug von seiner Sorte, musste sie oft genug aushalten. In der Regel zahlten sie gut – gut genug, um ihren Stolz für eine kurze Zeit zu begraben. Doch dieser hier war nicht gewohnt, für etwas, was er haben wollte, zu zahlen, oder überhaupt etwas zu tun. Dieser hier nahm es sich, gierig und rücksichtslos.
Dreya war sich ihrer auf den ersten Blick aussichtslosen Situation bewusst, doch sie hatte fünfzehn Jahre auf den Straßen von Dar-Arrat verbracht, auf sich allein gestellt und ohne nennenswerten Besitz. Wenn sie etwas gelernt hatte, dann, dass keine Situation wirklich aussichtslos war, solange man lebte und einen klaren Kopf behielt, um den richtigen Moment nicht zu verpassen.
Zugegebenermaßen, es fiel ihr nicht leicht, einen klaren Kopf zu behalten, als der Priester sich neben ihr hinhockte und in ihr Haar fasste, um ihr Gesicht in seine Richtung zu drehen. Abscheu mischte sich mit aufsteigender Panik.
„Du bist hübsch, kleine Markthure. Es wäre fast zu schade, wenn dir etwas passieren würde. Es ist schon ein Jammer, dass das hier eine Narbe zurücklassen wird.“
Er stieß seine Nägel in die Wunde auf ihrer Wange, riss sie noch weiter auf. Dreya keuchte und bäumte sich auf, aber seine Hand in ihrem Haar hielt sie fest und ließ es nicht zu, dass sie ihren Kopf wegzog. Sie fletschte die Zähne und knurrte wie ein Tier, bevor ihr klar wurde, dass es genau das war, was er wollte.
„Was für ein Temperament“, grinste er. „Welch eine Verschwendung es gewesen wäre, dich auf der Straße zurückzulassen…“ Er neigte sich vor und presste seine Lippen gegen ihre. Sie stellte fest, dass ihre Beine nicht gebunden waren und schlug mit dem Knie aus. Sie traf auf etwas Weiches, trat noch einmal zu, doch er unterband alle weiteren Anstrengungen, indem er sie mit seinem ganzen Gewicht gegen den Boden presste. Als sie sich dagegen zu wehren versuchte, rammte er sein Knie in ihren Magen und raubte ihr die Luft.
„Eine… Präsentation von geistiger Schwäche“, bemerkte eine kraftlose Stimme von rechts. „Wie… es zu erwarten war.“
Ralik ließ von Dreya ab, richtete sich auf.
„Noch ein Wort, Talish, und ich…“
„Was?“ Der Mann bäumte sich gegen seine Fesseln auf. Aus dem Augenwinkel sah Dreya, wie seine Knochen sich unter seiner zerschundenen Haut bewegten. „Du hast mich bereits getötet. Du kannst mir nichts tun.“
Seine Worte schienen Ralik zu verärgern. Er stand auf und löste das Seil, das Dreyas Hände an die Eisenklammern band, von der Wand. Mit einer groben Bewegung riss er sie auf die Beine und wickelte das Seil fest um ihre Schultern und Oberkörper, bevor sie wusste, wie ihr geschah. Auf eine hastige Handbewegung von ihm wurden ihre Füße mit dem schwarzen Band unnatürlicher Herkunft zusammengebunden, das sie nun gut genug kannte.
Ohne auch nur ein Wort zu sagen, zog er sie mit einer überraschenden Kraft hinter sich her. Sie musste sich Mühe geben, hastige, kleine Schritte zu machen, um nicht zu stürzen und ihm schnell genug hinterherzukommen.

Das Netz von Gängen, das den Berg durchzog, musste schier unendlich sein. Sie wusste längst nicht, wo sie sich befand, doch wie üblich versuchte sie zunächst, den Weg zu merken, den sie entlanggeschleift wurde – vergebens.
Mehrmals ging Ralik zurück, wartete hinter einer Biegung, bis der Gang vor him wieder menschenleer war. Er schien sein Treiben mit ihr geheimhalten zu wollen. Einmal wurde er beinahe von einem anderen Priester überrascht, der direkt vor ihm auftauchte.
Ralik entkam der Entdeckung durch die Schattenwelt – das musste diese von Stimmen, Geflüster und Geschrei erfüllte Dunkelheit sein, in die Fereth sie bereits getaucht hatte. Dreya wusste diesmal besser, als sich zu wehren und klammerte sich in tiefster Furcht sogar an ihren Peiniger, als die Schwärze sich über sie senkte, aber er schien nicht mehr zu existieren, sie fasste ins Leere. Kälte brauste ihr entgegen und eine klar erkennbare Stimme sprach ihr ins Ohr. „Ich sehe dich“, sagte die Stimme. „Ich sehe dich gut. Warte auf mich.“
Es wurde wieder hell. Ralik stieß sie von sich und sie fiel auf einen bunt gewebten Teppich. Sie waren in einer Kammer, die größer und wesentlich freundlicher eingerichtet war als jene, die sie verlassen hatten. Wie üblich, wurde auch sie von blauen Steinen erleuchtet, die allerdings ein helleres und angenehmeres Licht ausstrahlten. Ein unordentliches Bett, mehrere Schränke aus dunklem Holz und ein Schreibtisch, voll mit aufgeschlagenen Büchern, ließen vermuten, dass es sich um die Privatunterkunft des Priesters handelte.
Dreya blieb liegen, um den Priester nicht weiter zu provozieren. Zudem dürfte ein Aufstehen sich in ihrem Zustand als schwierig gestalten.
Ralik verzog das Gesicht zu einer grimmigen Fratze und schien einen Moment lang nachzudenken, bevor er sich wieder seiner Beute widmete. Er riss sie auf die Beine und zerrte sie in die am weitesten von der Tür entfernte Ecke. An der Wand – auch hier bestand sie aus massivem Stein – war ein solide gebautes Waffenregal angebracht.
„Setzen!“, befahl er gereizt. Verwirrt durch ihr Erlebnis in der Schattenwelt, gehorchte sie ohne Widerrede und ließ sich eher auf die Knie fallen, als dass sie sich wirklich setzte.
Der Priester wickelte das Seil um die Metallstreben, mit denen das Waffenregal an der Wand befestigt war. Mit geübten Fingern band er mehrere feste Knoten, warf ihr einen wütenden Blick zu und verließ die Kammer.
Sie hörte, wie das Schloß einrastete.
Sie würde nicht entkommen können.