5 – Dreya

Dreya fühlte sich so miserabel wie noch nie in ihrem Leben.
Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit Ralik sie in seiner Kammer zurückließ. Sie nahm an, dass die Kammer tief im Inneren des Berges lag. Es gab keine natürliche Lichtquelle. Die blauen Hellsteine veränderten ihre Intensität nicht, ihr Licht blieb gleichmäßig.
Ihr ganzer Körper schmerzte und sie hatte Hunger, aber darüber konnte sie hinwegsehen. Hunger war ihr nicht fremd, sie war an ihn gewöhnt. Auch Schmerzen waren etwas, was man ausblenden konnte.
Der Durst hingegen schien mit jedem Augenblick, der verging, schlimmer zu werden. Ihre Lippen waren trocken und aufgeplatzt, und wenn sie mit einer pelzigen Zunge darüberfuhr, schmeckte sie Blut. Ihre Augenlider waren geschwollen und es bereitete ihr immer mehr Mühe, sie offen zu halten. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, endlose Verzweiflung wechselte sich mit einer hilflosen Wut ab, um schließlich von einer dunklen Leere verschlungen zu werden, der sie unendlich dankbar war.

„Keine Angst, kleine Markthure. Ich habe dich nicht vergessen.“
Raliks selbstverliebte Stimme drang in ihr Delirium, zwang sie dazu, die verkrusteten Augen zu öffnen. Er hockte vor ihr auf dem Boden. Sie betrachtete die silbernen Verzierungen auf seiner dunklen Robe. Aus irgendeinem Grund fesselten sie ihre Aufmerksamkeit. Sie waren beinahe wie… Schrift. Schrift, die sie nicht lesen konnte, die aber zu ihr sprach.
„Lästige Pflichten hatten mich davon abgehalten, mich um dich zu kümmern. Mein verräterischer Wächter ist nicht aufzutreiben und der Vorsteher der Stadtwache möchte seine Aussage haben. Eingebildeter Idiot. Meine Worte reichen ihm nicht!“
Dreya öffnete den Mund, aber ihre Stimme war nur ein unverständliches Röcheln. Ihre Brust wurde von einem schmerzhaft trockenen Husten geschüttet. Ralik beobachtete sie, auf eine beunruhigende Art und Weise fasziniert von ihrer Qual.
„Wasser“, schaffte sie es schließlich zu sagen. Eine leise Stimme in ihrem Inneren verfluchte sie dafür. Indem sie nachgab und bettelte, bereitete sie Ralik Freude. Das Verlangen nach Wasser übertönte diese Stimme jedoch.
„Oh, meine kleine Hure ist durstig.“ Ralik erhob sich grinsend. „Wie könnten wir das Problem denn beheben…“ Er drehte sich um und verließ die Kammer. Nur kurze Zeit später kehrte er zurück, gefolgt von einem hageren Mann, der eine Tonkaraffe trug.
Der Mann blieb auf der Schwelle stehen. Sein Blick wanderte unsicher durch den Raum. Er hatte nur eine dünne Leinenhose an, sein Oberkörper war unbekleidet und wies mehrere langgezogene Narben auf. So wurden in der Stadt Verbrecher bestraft. Dreya selbst war oft nur um ein Haar der Peitsche entkommen, doch sie schaffte es stets, sich nicht fangen zu lassen. Bis jetzt.
„Jetzt stell es irgendwo ab und verschwinde“, bellte Ralik und wedelte genervt mit der Hand. Der Mann durchquerte das Zimmer mit langen, hastigen Schritten, stellte die Karaffe auf den Tisch und beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen. Die Tür fiel ins Schloß. Dreya wendete ihren Blick nicht von der Karaffe ab, während Ralik sie in die Hand nahm und nachdenklich hineinblickte.
Schlißlich näherte er sich ihrer Ecke, hockte sich bedächtig hin und strich seine Robe mit der anderen Hand glatt. Offensichtlich genoss er es, sie warten zu lassen. Faszination mischte sich mit Begierde in seinem Blick. Dreya kannte diesen Ausdruck. Es war ihr gleich.
Sie wollte die Hände nach der Karaffe ausstrecken, doch sie waren immer noch gebunden, und das Seil grub rote, pulsierende Striemen in ihre Haut.
Ralik hob die Karaffe vor ihr Gesicht und neigte sie, so quälend, unendlich langsam. Dreya fing den ersten Tropfen mit der Zunge auf, schmeckte fruchtige Säure. Es war kein Wasser, es war unverdünnter Erran. Sie keuchte, als er ihre Kehle verätzte, doch es war ihr gleich, er war flüssig und sie hatte solchen Durst. Ralik ließ den Erran in einem dünnen Rinnsal laufen, und sie trank ihn gierig. Er neigte die Karaffe noch mehr, kippte ihren Inhalt über ihr Gesicht, sie schluckte krampfhaft, der Erran lief über ihr Kinn, brannte auf ihrer zerschlagenen Brust. Dreya hustete und spuckte, doch sie schluckte jeden Tropfen herunter, der in ihren Mund gelangte, bis die Karaffe leer war.
Hitze wallte aus ihrem Magen hervor und floß über ihre Glieder. Die Welt drehte sich, ihr wurde übel. Sie leckte sich über die Lippen und war sich nicht sicher, ob der metallische Geschmack in ihrem Mund Blut oder Erran war. Alles verschwamm vor ihren Augen, in ihren Gedanken.
Grobe Hände rissen das Seil zusammen mit dem Rest ihrer Kleidung von ihrem Körper. Die Striemen brannten und kribbelten, ihre Glieder zuckten vor Schmerz, als die so lange unterdrückte Blutzufuhr wiederhergestellt wurde. Dreya wurde hochgehoben und auf etwas Weiches geworfen. Sie blinzelte, hob die Hände, rieb sich die brennenden Augen. Niemand hinderte sie daran. Sie lag auf Raliks Bett, und Ralik beobachtete sie mit einer düsteren Gier in seinem Blick. Ihre Hände fielen kraftlos auf ihre Brust. Sie ertrank in Hitze und dem brennenden Schmerz auf ihrer Haut. Alkoholgestank schwebte in der Luft und erregte Übelkeit.
Sie wusste nicht, wann Ralik sich seiner Robe entledigt hatte. Ihre Wahrnehmung war undeutlich und verzerrt, sie hatte noch nie in ihrem Leben so viel Erran getrunken, aber sein Körper auf ihrem, sein hartes Geschlecht, das gegen ihren Bauch drückte – das kannte sie, das war vertraut. Ohne seine Robe war der Priester von Raan war ein Mann wie jeder andere, und sie fürchtete ihn nicht mehr, sie verabscheute ihn nur.
Sein Atem ging in Stößen, die Erregung verzog sein junges, glattes Gesicht. Er bewegte seine Hüften, verfehlte sein Ziel mehrmals, fummelte mit der Hand zwischen ihren Beinen herum, um den Weg für sein Glied zu finden. Sie hörte ein raues, krächzendes Lachen und wusste erst, dass es ihres war, als sie keine Luft mehr bekam. Ralik holte aus und schlug ihr ins Gesicht. Der Schmerz flackerte auf und verschwamm in der Hitze. Sie starrte in seine Augen und lachte wieder. Er schlug sie erneut, schrie sie mit Worten an, die sie nicht verstand, seine Hüften zuckten unregelmäßig, bis er eher durch Zufall als eine zielgerichtete Bewegung in sie hereinglitt. Sie spürte nichts. Die brennende Hitze, die in ihr wütete, war stärker als jede andere Empfindung.
Ralik grunzte mit jedem stärker werdenden Stoß, Schweißtropfen glänzten auf seiner Stirn. Seine Fingernägel gruben sich in ihre Haut und sie wusste nun, woher die blauen Flecken auf ihrer Brust kamen, wusste, dass er sie auf seine unbeholfen grobe Art angefasst hatte, als sie zum ersten Mal bewusstlos war.
Es interessierte sie nicht.
Sie badete in einem Meer aus Feuer, und Ralik war weit weg.

„Wach auf.“
Die Stimme, die zu ihr sprach, gehörte nicht Ralik. Dreya kam zu sich, bewegte ihre Hände. Sie waren nicht gebunden. Sie sah sich um, suchte nach dem Ursprung der Stimme.
Sie fand ihn nicht. Sie lag auf Raliks Bett, und Ralik lag neben ihr, seine nackte Haut mit vertrockneten Blutflecken bedeckt. Sie wusste nicht, woher sie kamen, und wollte es auch nicht. Sie lauschte auf seinen Atem. Er schlief fest und traumlos. Der Errangestank hatte sich immer noch nicht verflüchtigt. Sie versuchte, sich aufzusetzen und fiel beinahe vom Bett. Ihr war übel, stacheliger Schmerz hatte sich in ihrem Schädel festgesetzt.
„Wach auf“, wiederholte die Stimme. Sie schien direkt in ihrem Kopf zu sein, ohne den Weg über ihre Ohren zu nehmen.
Dreya sank auf den kalten Steinboden, stand auf allen Vieren und bemühte sich, sich nicht zu übergeben.
„Ich bin beinahe bei dir.“
Sie hob den Kopf, sah sich wieder um, doch es war niemand im Zimmer. Es wäre kein Wunder, wenn sie sich die Stimme eingebildet hatte. Sie kam auf die Beine, blieb schwankend stehen. Ihr Schädel drohte zu bersten. Sie sah an sich herunter, erschrack über die verkrusteten Blutergüsse, die ihren ganzen Körper bedeckten, über die Striemen an ihren Händen und Füßen, über die schiefe, langgezogene Wunde auf ihrer Brust.
„Ich bin…“
Es wurde schlagartig dunkel.
„…hier.“
Die Stimme bekam eine neue Dimension, sie war überall, vibrierte in ihren Knochen, mischte sich mit dem wirren Geflüster, das sie umgab. Sie starrte in die Finsternis, und die Finsternis starrte mit Abertausenden von leeren Augenhöhlen zurück.
Dreya schrie und fiel nach hinten um. Etwas Kaltes fing sie auf, schob sie wieder in eine aufrechte Position.
„Ich kann dich nicht halten. Die Zeit läuft ab.“
„Wer bist du?“
„Mein Name ist nicht für dich. Eure Art nennt uns Takh. Ich bin …“
Sie erkannte eine Form in der wabernden Dunkelheit, den gehörnten Schädel mit hell glühenden Löchern anstelle von Augen, die unvorstellbare Wucht eines Körpers dahinter.
„Ich bin“, wiederholte der Schatten.
Sie streckte die Hand nach dem Wesen aus, berührte eine kalte, ledrige Oberfläche. Die Dunkelheit flackerte plötzlich, wurde von der Realität von Raliks Kammer überdeckt.
„Die Zeit läuft ab. Flieh.“
Sie schlug gegen die Tür. In ihrer Verwirrung bemerkte sie nicht, wie sie hindurchsank, als wäre die Tür nur eine Illusion und kein unüberwindbares Hindernis aus schwarzem Holz und grauem Stahl. Sie fand sich in einem der trostlosen Gänge wieder, die sie nun viel zu gut kannte, rappelte sich auf, zögerte einen Augenblick. „Schneller“, sagte der Schatten.
Sie rannte, ignorierte den beißenden Schmerz, der in ihren Muskeln wühlte. Die Dunkelheit der Schattenwelt hatte sich wie ein Schleier über die Realität der Steingänge gelegt. Dinge bewegten sich darin, formlose Wesen, die mit Krallen und Zähnen nach ihr trachteten. Sie wich ihnen mit einer Bewegung in ihrem Geist aus, während ihr zerschundener Körper durch den Gang hetzte.
Sie durchquerte eine Halle, sprang über Holzbänke, tauchte in einen weiteren Gang. Sie sah niemanden – oder vielleicht sah niemand sie, denn sie war stets von schemenhaften Gestalten umgeben. Waren es Menschen? Sie wusste es nicht.
„Schneller.“
Die Welt verschwamm in einer Reihe von flackernden Bildern, unterbrochen von Atemzügen, von den rhythmischen Stößen ihrer Fersen auf dem Stein.
„Nein“, sagte der Schatten plötzlich. „Nein.“ Unmenschliche Qual schwang in seiner Stimme. Dreya fiel, fing sich im letzten Moment mit den Händen auf. Sie fand sich in einer Halle wieder, und eine reich verzierte Tür schwang vor ihren Augen auf.
Ein Mann trat über die Schwelle, starrte sie an. Sein Gesicht brannte sich in ihren Verstand, der Ausdruck seiner grauen Augen sprach von verbotener Macht.
Der Schatten glitt vor ihn, die Umrisse seines massiven Körpers verfestigten sich. Der Mann hob die Hand. Seine Finger waren um einen unscheinbaren Messergriff geschlossen. Der Schatten holte aus und schlug nach ihm, doch der Mann zeichnete einen Halbkreis mit dem Messer, und die Schneide zischte, als sie durch die Luft und durch den Schatten schnitt.
Dreya kroch in den zweifelhaften Schutz einer dunkelgrünen Stoffbahn an der nächsten Wand, versteckte sich dahinter. Der Mann hatte sie aus dem Blick verloren, als er mit dem Schatten kämpfte. Er sah sich um, presste die Lippen zusammen – und verschwand.
Dreya kroch tiefer unter die Stoffbahn, drückte sich gegen den kalten Stein. Die Welt versank abermals in der Schwärze einer Ohnmacht.