6 – Fereth

„Geh mir aus dem Weg!“
Fereth stieß einen Talish mit beiden Händen von sich. Der Mann taumelte und ließ die Stoffballen, die er trug, auf den Boden fallen. Fereth starrte ihn grimmig an. Für einen Moment tat es ihm Leid, doch dann fegte er diese Regung entschieden beiseite und eilte weiter. Er war ein Schattenkrieger, eine Klinge Raans, Talish hatten ihn nicht zu interessieren, ihre Belange bedeuteten nichts für ihn.
Dreyas schmales, braungebranntes Gesicht tauchte vor seinen Augen auf, als wollte es seine Gedanken verspotten. Sie war keine Talish, sagte er zu sich selbst, um sein eigenes Ansehen zu wahren. Es wäre Verschwendung, sie zu einer Tempelsklavin zu machen. Es wäre Verschwendung, sie auf der Straße zu lassen. Fereth verzog das Gesicht. Das waren Raliks Worte, Raliks Stimme, die in seinen Gedanken widerhallte, und Ralik war jemand anders geworden, jemand, den er nicht kannte und nicht kennen wollte.
Fereth hatte den Großen Hof der äußeren Tempelanlage so schnell passiert wie wohl noch nie zuvor. Er sah niemanden an, blieb nicht stehen, sprach mit niemandem, auch wenn einige seiner Kameraden, die sich im Schatten der ausladenden Temalbäume versammelt hatten, nach ihm riefen. Ohne den diensthabenden Wachmann auch nur flüchtig anzusehen, hastete er zwischen unter dem gewaltigen Bogen des Südtors hindurch. Erst, als er die Kreuzung erreichte und auf die Straße nach Dar-Arrat trat, erlaubte er sich, ein gemäßigteres Tempo einzuschlagen. Die Sonne hing bereits tief am Horizont und färbte die spärlich bewachsene Steppe in ein bedrohliches Rot. Bald würde es dunkel werden. Er würde die Hauptstadt erst spät in der Nacht erreichen. Er hätte sich ein Reittier nehmen können, doch er war zu wütend gewesen, um einen Umweg über die Ställe zu machen.
Die Wut loderte immer noch in ihm, auch wenn er nun versuchte, sie unter Kontrolle zu bringen. Er war eine Klinge Raans. Wut war gefährlich und konnte einen aus dem Gleichgewicht bringen. Der Weg eines Schattenkriegers war oft nicht breiter als die Schneide einer guten Klinge, sagte Sorokan oft. Ein Schritt in die falsche Richtung konnte den Ruin bedeuten.
Fereth zwang sich, ruhiger zu atmen, und seine Schritte waren nicht mehr hektisch, sondern federnd und gleichmäßig. Und doch vermochte er nur, seinen Körper zu beherrschen, sein Geist blieb unruhig und aufgewühlt. Er konnte sich nicht erinnern, sich jemals so verraten, so allein gelassen gefühlt zu haben. Seine Kindheit war nicht einfach gewesen, das Leben im Tempel von Raan noch schwieriger – und doch hatte alles einen Sinn gehabt, hatte eine grundlegende Ehrlichkeit besessen. Alles, was geschah, brachte ihn näher zu seinen Zielen – Ziele, die er mit Ralik geteilt hatte. Doch als Ralik seine Ausbildung beendete und in den Priesterstand erhoben wurde, war er zu einem anderen Menschen geworden. Bereits seit einem Jahr versuchte Fereth, die Augen davor zu verschließen, doch es gelang ihm immer weniger, bis er schließlich gezwungen wurde, die Wahrheit einzusehen.
Ralik war vom Weg abgekommen.
Das, was er nun verkörperte, hatte nichts mehr mit den Jugendträumen zu tun, die sie miteinander geteilt hatten. Das, was Fereth für ihn tun musste, hatte nichts mit Fereths Vorstellungen von einem Schattenkrieger zu tun – einem ehrenhaften, geduldigen Wächter, der Klinge, die die Welt der Schatten und die Welt der Lebenden voneinander trennte – und miteianander verband, wenn es nötig war.
Ralik wollte nicht Raan dienen, sondern nur sich selbst. Er wollte nicht die Grenze zwischen den Welten bewachen – er riss sie immer wieder ein, um sich in die Macht der Schatten zu hüllen – Macht, die nur seine eigene Bedürfnisse erfüllte.
Fereth erinnerte sich an Sorokans Worte, leise und mit einer tiefen Trauer durchdrungen. Verlass alle Hoffnung, der Selbe zu bleiben, wenn du in die Schatten tauchst. Du blickst in die Schatten und sie blicken in dich, und ihr Echo wird für immer in deiner Seele schwingen.
Ja, der Umgang mit den Schatten veränderte Menschen. Und manche nicht zum Guten.
Fereth starrte in die dunkler werdende Steppe zu seiner Rechten, beobachtete den Staub, den seine Füße aufwirbelten, und dachte nach, während Dar’Arrat wie ein Meer von Flammen am Horizont waberte und mit jedem Schritt unmerklich näher kam.

Auch in tiefster Nacht versiegte das Leben auf den Straßen der Hauptstadt nicht. Je weiter Fereth sich dem Stadtkern näherte, umso mehr sprudelte das nächtliche Treiben. Unzählige Laternen und grüne Leuchtsteine hier und da verdrängten die Dunkelheit. Viele Erranschenken, Teehäuser, Gastwirtschaften und diverse andere Läden blieben so gut wie immer offen. Große Marktplätze, die die Stadtmitte in großer Zahl sprenkelten, waren zu dieser Stunde jedoch ruhig und menschenleer – auf den ersten Blick. Wenn man wusste, wonach man Ausschau halten sollte, konnte man genügend Händler finden, die Waren anboten, die man tagsüber nur selten erwerben konnte.
Fereth hatte jedoch kein Interesse an Pulver aus getrocknetem Teravigift oder Fläschchen mit unverdünntem Schnellblutsaft. Auch Huren in bunten Gewändern, die hier und da in den geöffneten Türen von Freudenhäusern und anderen zweifelhaften Einrichtungen hingen, konnten seine Aufmerksamkeit nicht für länger als Bruchteile eines Augenblicks, die es brauchte, um sie mit dem Blick zu streifen, erregen.
Ohne Mühe fand er den Handelsplatz wieder, in dessen Nähe Raliks Reitechse untergebracht war, doch das Fenster des Stallmeisters war dunkel. Er hatte Mitleid mit dem Mann und wollte ihn nicht wecken.
Fereth lehnte sich gegen die staubige Mauer, die die Ställe vor den Blicken Neugieriger verbarg. Die Hitze des Tages war längst gewichen, die Luft war angenehm kühl. Auch der schwere Geruch, der tagsüber auf dem Handelsplatz waberte – die Mischung aus menschlichen und tierischen Aussonderungen, Essen, Gewürzen, Kräutern, Leder und allem anderen, das hier den Besitzer tauschte – schien sich etwas gelegt zu haben. Er konnte mit voller Brust atmen, ohne das Gesicht zu verziehen.
Der Platz war leer und nur wenige Laternen leuchteten in den Türen der umliegenden Häuser. Minuten vergingen, in denen Fereth auf etwas wartete, ohne selbst zu wissen, worauf.
Schließlich löste er sich von der Stallmauer und ging ziellos eine der Straßen, die vom Handelsplatz weggingen, entlang, bis direkt vor ihm die Tür einer Schenke aufging und ihn mit grellem Licht blendete. Ohne weiter darüber nachzudenken, ging er hinein und setzte sich in die dunkelste Ecke, die er finden konnte.
Ralik hatte ihm befohlen, die Reitechse zurückzubringen, und Fereth hatte vor, dem Befehl Folge zu leisten, allerdings hatte Ralik nicht gesagt, bis wann die Reitechse zurück sein musste.
Er bestellte einen Becher Erran nach dem Anderen, bis die Welt in einem angenehm weichen Nebel versank und alle Gedanken und Sorgen weit weg schienen.