Sergej – 1

Etwas war ihm gefolgt. Sergej hatte nichts und niemandem gesehen, ganz gleich, wie oft er sich umgedreht hatte, aber das hatte nichts zu bedeuten. Auf der Karl-Liebknecht-Straße war Abends auch unter der Woche gut was los, und er hatte das miese Gefühl, dass das, was ihn verfolgte, sich nicht gern unter Menschen zeigte.
Das Pub, wo er seit nun zwei Stunden hockte, war gut besucht, wie üblich um die Uhrzeit. Der Lärm und der Zigarettengestank machten es schwer, sich zu konzentrieren. Sergej hatte Kopfschmerzen. Allein das war ein Grund zur Beunruhigung. Der Pub war sein Zufluchtsort gewesen, ein Ort, an dem er sich entspannen konnte. Er war oft hier. Alle zwei Wochen spielte er hier irische Saufmusik. Eigentlich gehörte er zum Inventar.
Heute fühlte er sich fremd und fehl am Platz.
„Serjoga? Was ist mit dir?“
Sergej zuckte zusammen und fuhr herum. Vitalik sah ihn besorgt an. Sergej schüttelte mit dem Kopf.
„Alles in Ordnung.“
Vitalik deutete auf das noch volle Bierglas. „Sieht nicht so aus.“
„Ich habe nur nachgedacht.“
„Du denkst die ganze Zeit nach. Wie findest du das Mädchen?“
„Welches Mädchen?“
„Das Mädchen, das Artjom dort drüben um den Finger wickelt! Echt, Serjoga, du bist heute nicht normal.“
„Tut mir Leid.“
„Bist du krank?“
„Vielleicht. Hör zu, Vitalik, ich habe Kopfschmerzen. Ich gehe lieber nach Hause.“
„Ach komm, Mann, reiß dich zusammen. Sieh sie dir an. Artjom hat sich schon lange nicht mehr so ins Zeug gelegt.“
Sergej sah zu Artjom herüber, der an einem anderen Tisch stand und sich mit einer Frau unterhielt – wenn man das so nennen konnte. Artjom redete, und die Frau kicherte ohne Unterlass und nickte zu den unpassendsten Stellen. Ihre Wimperntusche war zu schwarzen Augenringen verschmiert. Sie musste um die zwanzig sein, sah aber ausgezehrt und verbraucht aus. Die blondierten Haare waren matt und verfilzt.
Sergej wendete sich ab.
„Nicht mein Typ“, sagte er pflichtbewusst. „Ich gehe nach Hause, Vitalij, ich habe die halbe Nacht an einem neuen Stück gesessen, vielleicht bin ich nur übermüdet.“
Vitalij zuckte mit den Schultern.
„Wie du willst, Serjoga. Kommst du morgen?“
„Klar.“
Plötzlich hatte Sergej nicht die geringste Lust, am nächsten Tag wieder hierher zu kommen. Es würde bis zum Bersten voll sein. Die Jungs würden das neue Stück spielen wollen. Der Schmerz wühlte in seinem Schädel, hartnäckig und dumpf.
Er nahm das Bierglas und kippte den Inhalt in einem Zug runter, stellte das Glas zurück auf die Theke, fummelte nach seiner Geldbörse.
„Ist schon gut, wir zahlen später“, versicherte Vitalij. „Lass stecken.“
„Bis morgen“, sagte Sergej und schob sich zum Ausgang.
Die Nachtluft war nicht wirklich erfrischend. Es war schwül und drückend. Vielleicht würde es nachts Gewitter geben. Sergej betrachtete den dunkelblauen Himmel, zuckte mit den Schultern und schleppte sich zur Haltestelle. Der Anzeige nach zu beurteilen, war die Bahn gerade erst weggefahren. Er lehnte sich gegen die Seitenwand und wartete.
Etwas lauerte am äußersten Rand seines Sichtfeldes, in dem Bereich, wo man keine Farben mehr wahrnahm, nur Bewegung. Sergej drehte den Kopf und sah nichts. Alles war so unglaublich normal und gewöhnlich, dass es fast schon wieder unwirklich aussah. Der Müll auf der Straße, die Menschen, die sich auf den Freisitzen tummelten und die Straße entlangliefen. Alles war wie immer, bis auf das nagende Gefühl, nicht allein zu sein. Bis auf die elenden Kopfschmerzen und die Minuten, die sich zu Stunden dehnten.
Die Bahn glitt, einer riesigen Raupe gleich, heran, quietschte beim Anhalten. Er drückte auf den Türknopf und ging rein. Zwei angetrunkene, bunt geschminkte und knapp gekleidete Frauen maßen ihn mit abschätzenden Blicken. Sergej ging an ihnen vorbei und setzte sich auf den ersten freien Platz.
Das Gefühl, außerhalb zu stehen, verstärkte sich. Er sah aus dem Fenster und die Welt, die daran vorbeizog, wirkte wie ein fremdes Fotoalbum, das er gezwungen war, sich anzusehen.
Er beschloss, seine innere Unruhe auf das hastig herunterkippte Bier und den Schlafmangel zu schieben, auch wenn ein Teil seines Verstandes genau wusste, dass es nichts damit zu tun hatte.

***

Ein Intercity Express rauschte vorbei, ohne anzuhalten. Der Himmel hatte eine surreale, zartviolette Farbe, dunkle Wolken zogen darüber.
Sergej trat vom Bahnsteigrand zurück und holte tief Luft. „Chjort poberi“, sagte er ausdrucksstark.
Er war auf dem Bahnhof Flughafen Leipzig-Halle. Er wusste nicht, warum oder wie er dahin gekommen war. Sein Kopf schmerzte, seine Füße froren. Seine Hände waren ebenfalls eiskalt. Er hatte das Gefühl, in einem Film zu sein, in dem jemand ein wichtiges Stück herausgeschnitten hatte, ohne sich vorher mit dem Regisseur abzusprechen.
Er setzte sich in Bewegung, maß den Bahnsteig mit langen Schritten. Die Bahnhofsuhr zeigte Viertel nach Sieben. Eine zerknüllte Bildzeitung neben dem Mülleimer war auf Samstag, den 4. August 2012 datiert. Sergej schob die Zeitung mit dem Fuß hin und her, hob sie schließlich auf, drehte sie herum. Sie schien echt zu sein. Üblicherweise hatte er wenig Grund, an der Echtheit einer Bildzeitung zu zweifeln, nur mit dieser hatte er ein Problem. Als er den Pub verlassen und nach Hause gefahren war, war es Donnerstag, der 2. Zudem war es deutlich später gewesen als Viertel nach Sieben, nämlich etwa Halb Elf.
Sergej lief hin und her und dachte nach, ohne zu einem nennenswerten Resultat zu kommen, bis die nächste Bahn nach Leipzig kam.
Er stieg ein und blieb im Türraum stehen, aufgewühlt und unruhig, lehnte schließlich den Kopf gegen eine Haltestange. Das kühle Metall fühlte sich angenehm auf seiner Stirn an, lenkte ihn für einen Moment von dem wütenden Pochen dahinter ab.
Fünfzehn Minuten bis zum Hauptbahnhof. Fünfzehn Minuten, in denen sich seine Gedanken im Kreis drehten, immer im Kreis, und doch führte es zu nichts, absolut zu nichts, außer noch mehr Kopfschmerzen und einer düsteren Verzweiflung, die an ihm nagte.
Sergej taumelte aus dem Zug, stieß beinahe gegen eine alte Frau mit einer großen Tasche, wich im letzten Moment aus, lief über den Bahnsteig, blieb in der Bahnhofshalle stehen. Wohin nun? Nach Hause? Er dachte an sein winziges Wohnheimzimmer mit einem Schrank, einem Bett, einer alten blauen Couch und einem ewig zugemüllten Schreibtisch, an die Staubschicht auf der Gitarre in der Ecke, an die Überreste einer verbrannten Pizza im Mülleimer.
Nein, das würde er nicht aushalten.
Er würde die Jungs anrufen, irgendeiner würde bestimmt Zeit haben, irgendeiner hatte immer Zeit. Er langte in die Hosentasche. Sein Handy? Wo war sein Handy?
Sergej sah sich panisch um, starrte die wogende Menschenmasse um ihn herum an. Menschen liefen hin und her, wieder andere hingen an den Bahnsteigen herum, warteten, telefonierten, lasen Zeitungen, Bücher, aßen Bratwürste, belegte Brötchen und Crêpes mit Nutella, kurzum, gingen ihrem gewohnten Treiben nach.
Wo war sein Handy? Er hatte es mit, als er in die Straßenbahn stieg, er hatte es in der Hosentasche. Und seine Geldbörse?
Fort. Nicht da. Verschwunden. Netu.
Blin.
Sergej ging ans andere Ende der Halle, machte kehrt, lief zurück, ging die Treppe zur Osthalle hinunter, zwängte sich durch die ewig belagerten Türen, wich der Spucke eines Punks auf den Pflastersteinen aus, stand an der Ampel. Was zum Teufel war passiert?
Seine Beine trugen ihn weiter, nicht stehen bleiben, bloß nicht stehen bleiben. Wohin lief er, und wovor lief er weg? Es gab nichts, wovor er weglaufen könnte, nichts außer Vorahnungen und Befürchtungen, und dem gähnenden Loch in seinem Gedächtnis. Eine bessere Idee hatte er aber auch nicht, also überließ er seinen Beinen die völlige Entscheidungsfreiheit, und beschloß vorerst aufzuhören, sich den Kopf zu zerbrechen. Der stechende, scharfe Kopfschmerz machte das Denken sowieso unendlich schwer.