Sergej – 2

In der Nähe des Clara-Zetkin-Parks kam Sergej wieder etwas zu sich. Das Pochen in seiner Stirn ließ nach, obwohl es nicht gänzlich verschwand. Immer noch war ihm kalt, obwohl es Sommer war. Immer noch wusste er nicht, warum er sich nicht an die letzten zwei Tage erinnern konnte. Nichts ergab einen Sinn.
Er bog über die Straße und lief über den Rasen, bis er an einem Parkweg ankam. Ein stetiger, aber immer dünner werdender Strom von Hundebesitzern, Joggern und Fahrradfahrern plätscherte über den Weg.
Sergej kreuzte in einem günstigen Moment und ließ sich auf der anderen Seite kraftlos auf die Bank fallen.
Er sah die Menschen an, die an ihm vorbeigingen, beobachtete ihre Bewegungen aus dem Augenwinkel, die Spuren, die sie auf dem Gewebe der Welt hinterließen – ihre Gerüche, winzig kleine Partikel ihrer Haut, ihre Haare, Abdrücke ihrer Schuhe im trockenen Staub. Ihre Normalität, ihre Einfachheit faszinierte ihn, beruhigt seine aufgewühlten Gedanken.
Sergej blieb sitzen, während es dunkler wurde und der Menschenstrom immer mehr versiegte, bis nur noch vereinzelte Individuen an ihm vorbei liefen. Er sah zu, ließ sich treiben, versuchte, nicht an seinen Gedanken festzuhalten. Der Schleier vor seinen Augen fiel. Die Welt bestand nun aus einer Unendlichkeit von Farben, Bewegungen, Klängen, aus Dingen, die geschehen waren und noch zu geschehen hatten, aus einer Unendlichkeit an Dingen, die geschehen könnten. Die Menschen waren nicht länger einfach, sie waren vielschichtig, strahlend, ihre Lebenskraft und die Beschaffenheit ihrer Gedanken überwältigte Sergej mit ihrer Komplexität. Sergej nahm diese Eindrücke auf, trank sie wie Wasser. Ein winzig kleiner Gedanke irgendwo am Rande seines Verstandes versuchte, Widerspruch zu erheben – schließlich wollte Sergej nicht mehr hinsehen, wollte wieder die Schicksalsfäden der Menschen noch die Wege im ewigen Nebel sehen – die Versuchung, den Wegen zu folgen, die Fäden zu berühren, sie zu beeinflußen, war zu groß.
Etwas brach in seine Meditation ein, zerriss die Ruhe, die über seinen Geist gekommen war. Er blinzelte. Es musste spät geworden sein, und doch wurde der Himmel hier niemals so dunkel wie in seiner Heimat Schatura, einer Kleinstadt 120 Kilometer östlich von Moskau. Die Dunkelheit wurde niemals so undurchdringlich und schwer, die Stadt niemals so ruhig und menschenleer. Und durch die übliche Geräuschkulisse einer Großstadt drang etwas, das ihn wieder zurück in die Realität befördert hatte, ein leises Rascheln, ein kaum hörbares Zischen von rasch eingeatmeter Luft.
Plötzlich von Panik ergriffen, sprang er auf, fuhr herum, blickte in die Schwärze zwischen den Blättern und Zweigen der Büsche – die Schwärze öffnete zwei gelbe Augen, die auf einem wolfsähnlichen Kopf saßen, und blickte zurück.
Sergej schrie. Seine Beine schalteten von selbst den Rückwärtsgang ein. Er stolperte, verlor beinahe das Gleichgewicht. Etwas schabte über die Erde. Ein Fahrradfahrer bremste stark, um nicht mit voller Geschwindigkeit gegen Sergej zu fahren, schaffte es aber nicht ganz und legte sich samt seinem Fahrrad hin. Er war sofort wieder auf den Beinen, schimpfte lauthals los, etwas über die Jugend, über nicht vorhandene Augen im Kopf – und, als Sergej versuchte, sich zu entschuldigen, etwas über dumme Ausländer, die dorthin gehen sollten, wo sie herkamen.
Als der Mann wieder auf und davon war, sah Sergej wieder zu den Büschen, doch das Wesen war verschwunden. Nicht so die Angst, die ihn immer noch in seinem Griff hatte, kalten Schweiß auf seine Stirn trieb und seine Hände zum zittern brachte.
Er lief los, hielt sich an den Hauptweg, eilte von Laterne zu Laterne. In dem Lichtkreis fühlte er sich sicher. Das Biest mochte kein Licht – wie so viele seiner Art. Es würde ihn nicht angreifen, wenn er im Hellen stand – und doch hatte er die eisige Gewissheit, verfolgt zu werden. Sein Herz schlug wie wild, der Atem tat in seiner Brust weh.
Er kannte diese Augen, kannte diese Schnauze, das schwarze Fell und die glänzende Nase. Diese Augen hatten ihn bis vor kurzem immer wieder besucht – nachts, wenn er, wie üblich, nicht schlafen konnte und stattdessen Gitarre spielte, blickten sie durch sein Fenster. Von der anderen Seite. Ohne Bedeutung, dass sein Fenster sich im achten Stock befand, ohne Bedeutung, dass ein Wolf – oder ein ähnliches Wesen – keine Möglichkeit hatte, auf dem Sims halt zu finden, es sei denn, er schwebte in der Luft. Was er höchstwahrscheinlich auch tat.
Die Fratze, wie Sergej den Besucher getauft hatte, kam nur dann, wenn er spielte. Also hörte er auf zu spielen – seit zwei quälenden Wochen hatte er seine Gitarre nur in Gesellschaft berührt. Die Fratze kam nur, wenn er allein war.
Mit zusammengebissenen Zähnen tauchte er abermals in die Dunkelheit, um zur nächsten Laterne zu laufen – ihm war klar, dass diese Dunkelheit keinen natürlichen Ursprung hatte, dass man üblicherweise den ganzen Parkweg entlang sehen konnte, dass es hier nie so dunkel wurde, wie jetzt. Etwas berührte seine Schulter. Er fuhr herum, aber da war nichts, gar nichts.
Er schauderte, rannte fast, bis er sich am nächsten Laternenpfahl festhalten konnte. Schlagartig wurde ihm übel. Er beugte sich nach vorn und übergab sich ins Gras. Krämpfe erschütterten seinen Körper, er würgte und hustete, bis es nichts mehr gab, was er hochwürgen konnte. Er richtete sich auf, wischte das Gesicht mit dem Ärmel ab, schluckte mehrmals, aber das Brennen in seinem Rachen und der bittere Geschmack in seinem Mund blieb.
War da wieder das Rascheln, das Aufblitzen der Augen? Sergej sah sich gehetzt um, versuchte, jedes Detail seiner Umgebung zu erfassen. Es gelang ihm nicht, die Übelkeit, die immer noch nicht abgeklungen war, der stechende Kopfschmerz, der ihn wieder heimsuchte und nicht zuletzt die Angst ließen alles vor seinen Augen verschwimmen. „Chjort“, schimpfte er, „Chjort! Komm raus, Chjort!“, hörte er sich plötzlich rufen. Er legte sich die Hand über den Mund. Der Teil von ihm, der ihn dazu brachte, den Chjort, den Teufel, der ihn verfolgte, so selbstsicher herauszufordern, war genau der Teil, den er am liebsten nicht mit sich in Verbindung bringen wollte. Der Teil, den er vergessen wollte. Aber auch darin hatte er versagt.
Der Wahnsinn, dem er zwei Jahre lang entrinnen konnte, holte ihn wieder ein, daran hatte Sergej keinen Zweifel. Man konnte vor sich selbst nicht fliehen – jedenfalls nicht für sehr lange.
Ein erneuter Magenkrampf brachte ihn zum Husten, aber dabei blieb es auch. Wieder ein Rascheln, eine Bewegung am Rand des Sichtfeldes. Mit einem weiteren Schimpfwort auf den Lippen fuhr er herum, erwartete die Fratze, die gelben Augen, die das Licht der Laterne einfingen und spiegelten.
Stattdessen war eine hochgewachsene, schlanke Gestalt vor ihm aufgetaucht, ohne, dass er gesehen hatte, wie. Der schwarze Ledermantel des Mannes stand in einem scharfen Kontrast zu seinen grellroten Haaren, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Das hagere, kantige Gesicht, die krankhaft blasse Haut, die Sonnenbrille in seinem Gesicht, die langen Finger der dürren Hände – all diese Einzelheiten ergaben überhaupt kein sinnvoll zusammenhängendes Bild. Sergej starrte den Mann an, bis dieser einen weiteren Schritt in seine Richtung tat und grüßend die Hand hob.
„Guten Abend. Alles in Ordnung?“
Sergej griff nach dem Laternenmast, hielt sich daran fest. Die kühle Härte des Metalls beruhigte ihn. Sie war sicher, vertraut. „Alles in Ordnung“, hörte er sich sagen.
Der Mann griff in seine Manteltasche und holte Sergejs Handy heraus. Wieder machte er einen Schritt auf ihn zu, und Sergej spürte, wie sein ganzer Körper sich anspannte, wie seine Finger sich fester um den Laternenmast schlossen. Er beobachtete, wie der Mann ihm das Handy hinhielt, langsam und flüssig, als würde er sich durch Sirup bewegen.
Sergej sah ihn an, seine unmenschlich weiße Haut, seine unnatürlich roten Haare, seine dünne Gestalt unter dem Ledermantel – und dann sah er tiefer, ohne es wirklich, bewusst, zu wollen.
Schlangenschuppen bedeckten die Haut des Fremden, Flammenzungen zuckten über seine Haare. Eine uralte, bösartige Macht brannte in seinen Augen, die Sergej nicht einmal sehen konnte – nicht sehen sollte, unter der dunklen Sonnenbrille. Und doch lastete der Blick einer Kreatur auf ihm, für die er keinen Namen hatte. Sergej blinzelte und unterdrückte den Drang, zurückzuweichen.
„Ich glaube, Sie haben da etwas verloren“, sagte der Mann und machte einen Schritt vorwärts.
Ein kalter Schauer lief Sergej über den Rücken, die Haare auf seinen Armen stellten sich auf. Er wollte sich umdrehen und fliehen – doch in der unheimlichen Dunkelheit lauerte ein anderer Feind. Sergej brauchte die Fratze nicht zu sehen, um ihre Anwesenheit zu spüren. Auch sie fürchtete sich vor dem Mann, der mehr Ähnlichkeit mit einem Dämon als mit einem Mensch hatte.
Sergej dachte an ein altes Sprichwort – der Feind meines Feindes ist mein Freund – und beschloss, danach zu handeln. Er streckte die Hand aus und nahm sein Handy entgegen. Er stellte fest, dass seine Hand zitterte. Er beeilte sich, das Handy in die Hosentasche zu stecken, um das Zittern vor dem Dämon zu verbergen.
„Woher wissen Sie, dass das mir gehört?“, wollte er wissen. Die Worte kamen falsch und verworren heraus – die deutsche Sprache entzog sich ihm, wie immer, wenn er sich nicht im Griff hatte. „Wo haben Sie es gefunden?“
„In einem Hinterhof. nicht sehr weit entfernt vom Hauptbahnhof. Es ist mein Beruf, Dinge zu wissen.“ Der Mann lächelte, doch Sergej war sich sicher, dass dieses Lächeln sich nur auf seine schmale Lippen beschränkte. „Alexander Fischer, Privatdetektiv. Sie haben Glück, dass ich es gefunden habe, bevor das jemand anders getan hat.“
Es dauerte einen Moment, bis Sergej begriff, dass der Mann sich vorgestellt hatte. „Chjort“, sagte er. Etwas anderes fiel ihm nicht ein. Immer noch standen ihm die Haare zu Berge, und die Tatsache, dass der Dämon so tat, als wäre er nur ein normaler Mensch, änderte nichts daran, dass Sergej kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Unter dem starren, bohrenden Blick des Dämons, den er nicht sehen, nur spüren konnte, musste Sergej sich dazu zwingen, etwas zu sagen. Sein Name schien ein guter Anfang zu sein.
„Sergej Woronov.“
Sergej versuchte, seine Hand von der Laterne zu lösen, aber die verkrampften Finger ließen sich nicht bewegen. Er spürte, wie die Fratze Mut fasste und näher kam. Er glaubte, die schwarzen, gepolsterten Pranken im Staub auftreten zu hören. Er glaubte…
„Freut mich“, sagte Alexander Fischer und lenkte Sergej für einen Moment von seiner Angst ab. „Sie sehen nicht besonders gut aus, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.“
„Ich fühle auch nicht gut“, antwortete Sergej wahrheitsgemäß. Nach einer kurzen Überlegung fügte er ein gemurmeltes „mich“ hinzu.
Eine rasche Bewegung hinter ihm ließ ihn für einen Moment erstarren, dann fuhr er herum, sah die gelben Augen in der Dunkelheit aufblitzen und wieder verschwinden. „Won ono!“ Sergej bemerkte nicht einmal, dass er wieder in seine Heimatsprache wechselte. „Won!“
„‚Won?‘ Ich verstehe nicht.“ Der Dämon ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sah er denn nichts?
„Ugh“, sagte Sergej. „Dort… da. Da war… Ein…“ Er hob die Hand und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ein…“ Ihm fiel kein deutsches Wort ein. Eigentlich fiel ihm überhaupt kein Wort ein. Er starrte in die Dunkelheit. Er sah nichts, doch er wusste, dass die Kreatur auf ihn lauerte, wartete, bis er den schützenden Lichtkreis verließ. Sie hatte keine Eile. Sie wusste, dass er nicht die ganze Nacht an der Laterne verbringen konnte. Sie wusste, dass er früher oder später weitergehen musste. Sie konnte warten.
Sergej sah den Rothaarigen an, blickte wieder in die Dunkelheit, dachte panisch nach. Er wusste, dass die Fratze Jagd auf ihn machte. Der Mann vor ihm – auch wenn er eindeutig kein Mensch war – schien es zumindest in diesem Moment nicht zu tun. Er hatte ihm sogar geholfen. Und wenn er ihm etwas tun wollte – nun, dafür hatte er mehr als eine Gelegenheit gehabt.
Sergej hob verzweifelt die Hände, sah den Rothaarigen hilfesuchend an – und der Rothaarige schien ebenfalls eine Entscheidung zu treffen.
„Sie können hier nicht bleiben“, sagte er. „Sie können mit mir kommen, zurück in die Stadt.“
Sergej wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, doch das erschien ihm zu übereilt. „Da ist…“, versuchte er sein Problem nochmal zu erklären. „Da war…“ Er gestikulierte mit den Händen, versuchte, seinem Gegenüber klar zu machen, dass da etwas Gefährliches auf ihn lauerte. „Und am Fenster“, brachte er dann hervor. „Da war es auch.“
„An was für einem Fenster?“
Sergej erzählte es ihm.
In abgehackten, gebrochenen Worten erzählte er ihm von dem Wohnheim, wo er lebte, und von der Gitarre, die sein Leben war, und davon, dass er sie bereits seit Tagen nicht anrührte, wenn er allein war – nur zu oft fühlte er den raubtierhaften Blick der gelben Augen auf sich. So oft, dass er fürchtete, auch nur aus dem Fenster zu sehen, wenn es dunkel wurde. Zumindest versuchte er, das alles zu erzählen, doch die Sprache gehorchte ihm kaum. Er konnte nur hoffen, dass der angebliche Privatdetektiv wenigstens die Hälfte davon verstand.
„Ich glaube Ihnen“, sagte Alexander, als Sergej zum Schweigen kam. „Deshalb sollten Sie mit mir zurückgehen, zurück in die Stadt. Und Sie sollten sich beruhigen.“
„Gut“, sagte Sergej. Es war nicht gut, aber es war besser, als hier zu stehen und zu warten, bis die gelbäugige Fratze ihn erwischte.
„Es wird in meiner Anwesenheit höchstwahrscheinlich nicht näher kommen“, sagte Alexander beruhigend. Er erreichte damit nur das Gegenteil. Die Hoffnung, Sergej hatte sich das alles doch nur eingebildet, starb endgültig.
„Ich brauche Sto Gramm“, sagte Sergej. „Etwas zu trinken“, erklärte er, als ihm klar wurde, dass Alexander immer noch kein Russisch konnte. „Aber ich habe meine Geldbörse verloren.“
Alexander hob die Hand und schüttelte mit dem Kopf.
„Kein Alkohol. Ich hasse Alkohol, mir wird schon vom Geruch speiübel, verstehen Sie? Und Ihnen wird es noch schlechter gehen als jetzt, wenn Sie trinken. So lange Sie in meiner Gegenwart nichts Alkoholisches trinken, bezahle ich.“
„Kein Alkohol“, seufzte Sergej. „Gut, gut. Gehen wir ins Helle.“