Asarhia – Angriff der Eisernen Horde, 1

Es war frühe Morgendämmerung, als die große, graue Eschentaleule auf einem Fels vor dem Haus landete. Sie kündigte sich mit einem lauten Schrei an und schüttelte ihr Gefieder aus.
Asarhia starrte sie durch die geöffnete Tür und den beiseite geschobenen Fellvorhang an, und die Frostsäbler hoben ihre Köpfe und folgten ihrem Blick. Als die Jägerin sich erhob und zwischen den schweren Hirschfellen nach draußen trat, kamen auch sie auf die Beine und streckten der Eule neugierig die Schnauzen entgegen.
Eine seltsame Anspannung ergriff die Kaldorei. Die Eule wartete. Ein mit Symbolen und Blattschnitzereien verzierter Hornbehälter war an ihren Fuß befestigt. Asarhia streckte die Hand danach aus und verharrte. Die Nachricht konnte von jedem sein. Sie konnte alles bedeuten.

Es waren mehr als zwei Jahre vergangen, seit sie hierher zurückgekehrt war, in die Heimat ihrer Frostsäbler, die inzwischen auch die ihre geworden war. Zwei Jahre Frieden. Zwei Jahre, in denen sie ihren Bogen nur für die Jagd benutzte, und ihre Kampfrüstung poliert und geölt in einer Truhe lag. Die Brandnarben auf ihren Händen, die sie sich am Berg Hyjal zugezogen hatte, waren verblasst. Sie sah nicht länger wie ein mit Haut überzogenes Gerippe aus. Es war gut gewesen, hierher zurückzukehren. Tamra hatte einen weiteren Wurf von Saorr auf die Welt gebracht – vielleicht ihren letzten. Und Saorr – er hatte wieder an Gewicht zugelegt und sein Fell bekam den silbrigen Glanz zurück, das es während des letzten Frontaufenthalts verloren hatte. Die kahlen Stellen an seinen Flanken, wo ihn die Feuer von Hyjal versengt hatten, waren verschwunden. Saorr schien eine Menge von seiner Kraft und Vitalität zurückgewonnen zu haben. Er ging mit ihr auf ihre Wanderungen, und wenn ihre Seelen sich im Rausch der Jagd berührte, war seine Präsenz so stark wie immer.

Die Eule gurrte und schüttelte die Schwingen. Asarhia presste die Lippen zusammen und befreite den Vogel von dem Nachrichtenbehälter.
Sie spürte Saorrs Präsenz und trat, ohne hinzusehen, einen Schritt nach hinten, lehnte sich an seine Schulter. Er schob seinen Kopf unter ihrem Arm hindurch, und murrte missmutig, bis sie ihm die Sicht auf den Nachrichtenbehälter gewährte.
Ein einziger Blick auf das Siegel ließ etwas in ihrem Inneren sich schmerzhaft zusammenziehen. Saorr legte die Ohren an. Sie spürte, wie sich die Muskeln in seinen Schultern anspannten und wieder lockerten. Der Zirkel des Cenarius verlangte ihre Dienste.

‚Späherin Asarhia Dämmerzorn,
Es gibt beunruhigende Nachrichten von einem Angriff auf das Dunkle Portal. Es wird von der Eisernen Horde berichtet, der es gelungen ist, das Portal aus einer früheren Zeit zu öffnen. Die Berichte sind widersprüchlich und unklar.
Ihr müsst unverzüglich nach Nethergarde aufbrechen und Euch einen Überblick über die Situation verschaffen. Sollten Kampfhandlungen ausbrechen, liegt die weitere Vorgehensweise in Eurem Ermessen.

Aufseher Leshij Vaedun.‘

Asarhia ließ die Schriftrolle sinken. Sie sah die Burg Nethergarde vor ihrem geistigen Auge aufsteigen, spürte den trockenen Staub der Verwüsteten Lande auf ihren Lippen. Die Erinnerung an die monumentale Präsenz des Portals, die pulsierende Magie in seinem Inneren, an die Mächte, die an ihrer Seele zerrten summte in ihren Knochen.
Und dahinter die Halbinsel des Höllenfeuers, und die Zangarmarschen. Der Sumpfmoder, der sich in das Leder ihrer Rüstung fraß und Saorrs silbernes Fell in ein stumpfes Grau verwandelte. Das Gefühl, genau am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein, wenn sich ihre Pfeile zwischen die glänzenden Nagaschuppen bohrten. Die Kameradschaft zwischen den Spähertrupps der cenarischen Expedition und den bunt zusammengewürfelten Abenteuergruppen, die aus dem Echsenkessel lebend und siegreich zurückkehrten. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft…

Wider Willen spürte sie, wie die Anspannung, die sie fest im Griff hielt, seit die Eule kam, in etwas Anderes umschlug. Asarhia atmete tief ein. Saorr bewegte sich hinter ihr. Er fühlte ihre Aufregung, fühlte das Feuer in ihren Adern, die seltsame, unnatürliche Vorfreude auf den bevorstehenden Einsatz, von der lange unterdrückten Sucht nach dem Kampfrausch hervorgerufen.
‚Der Krieg hat uns wiedergefunden, Saorr‘, sagte sie leise. Ihre Blicke und ihre Seelen berührten sich, und für einen Moment waren sie untrennbar miteinander verbunden. Der kraftvolle Herzschlag des Frostsäblers sang in den Adern der Jägerin, so vertraut wie ihr eigener.
Der Flügelschlag der Eule ließ Asarhia wieder aufblicken. Der Vogel kreiste einmal über ihrem Kopf und flog nach Westen.

Mit einer jahrhundertealten Routine packte die Kaldorei ihre Reiseausrüstung. Jedes Kleidungsstück, jeder Vorratsbeutel, jede Waffe hatte ihren festen Platz.
Dann ritt sie nach Sternfall, um weitere Besorgungen vorzunehmen.
Der Kriegshyppogryph der cenarischen Expedition Cairan, der sie auf seinen Schwingen sowohl über die Trümmerfelder der Scherbenwelt als auch durch die eisigen Weiten Nordends und die Feuer von Hyjal getragen hatte, wurde von seinem Nistplatz gerufen. Seine Rüstung, ausgebessert und poliert, wartete bereits darauf, angelegt zu werden. Die Satteltaschen wurden mit Notproviant und -ausrüstung gefüllt.
Die Frostsäbler Saorr und Caddaren und der Nachtsäbler Djarr wurden mit einer Extraportion Fleisch versorgt. Ihr Fell wurde gebürstet und die Sattelriemen angelegt.

Die Nacht senkte sich über Winterquell herab, als Asarhia Dämmerzorn Sternfall verließ. Wie früher, ritt sie auf Saorr’s Rücken. Caddaren und Djarr, mit jeweils einem Teil der Ausrüstung in ihren Satteltaschen, folgten in einigem Abstand.
Der nächste Morgen fand Asarhia in der Mondlichtung wieder, wo sie alten Lehrmeistern und Kampfgefährten Aufwartung machte, bevor sie weiterzog.