Bran; Der Wind Ändert Sich

‚Der Wind ändert sich. Wieder einmal.‘

Der Druide wusste nicht, woher diese Worte kamen, und welcher Geist der Vergangenheit sie ihm zugeflüstert hatte, doch sie drangen ihn dazu, den Bärenpelz abzuwerfen und seine alte Kluft aus gehärtetem Leder anzuziehen, die unter der langen Lagerung in einer modrigen Höhle ziemlich gelitten hatte.
Lange war es her, seit Bran seinen Unterschlupf im Eschental verlassen hatte. Lange war es her, dass er sich für die Belange der Welt interessiert hatte.
Er hatte seine Wunden geleckt und sich im Vergessen geübt, aber das Vergessen schien ihn zu meiden. Seine Erinnerungen hingegen folgten ihm auf Schritt und Tritt. Ein Spinnennetz aus Erinnerungen, das ihn umgab, gleich, an welchen Ort er ging. Gesichter flackerten vor seinen Augen auf, wechselten sich mit Fetzen von Gesprächen, von Empfindungen ab. Die alltäglichen Aufgaben, die er sich selbst auferlegte, um nicht vollends dem Bärengeist zu verfallen, vermochten ihn nicht von seinen Gedanken abzulenken.

Es wurde Zeit, auf Wanderschaft zu gehen, Zeit, sich dem ewigen Krieg zu ergeben, sich ohne Rücksicht auf Verluste in den Kampf zu werfen, die Erinnerungen in Blut zu ertränken.
Es hatte immer funktioniert, für eine gewisse Zeit, jedenfalls.

Er wusste nicht, was ihn in die Einöde um das Dunkle Portal herum verschlagen hatte. Wie üblich, folgte er dem Wind, und den Geistern seiner Vergangenheit, vielleicht – eigentlich war es eher die Flucht vor ihnen, die ihn aus seiner Höhle getrieben hatte.
Der rote Staub hatte sich in seinem Fell festgesetzt, und als er die wuchtige Masse des Bären ablegte und den Weg als Elf fortsetzte, bedeckte der Staub seine Kleidung. Er lief zu Fuß, allein, nur mit einem einfachen Stab bewaffnet. Eine alte, verbeulte Umhängetasche bewahrte Dinge wie Heilkräuter, Tränke, Messer und Reiseproviant auf. Bis auf die alte, ehemals prunkvoll gearbeitete Lederkluft, die er trug, hatte er keinen weiteren Besitz.
Oh, es gab Gold, und Edelsteine, und andere Dinge, die hier und da auf ihn warteten, aus früherer Zeit, als er sich um so etwas gekümmert hatte, als er noch stolz darauf war, ein Veteran der Allianz zu sein, stolz, siegreich aus Hunderten von Kämpfen hervorgegangen zu sein. Als er sich wichtig und unentbehrlich gefühlt hatte. Als er Bran Eulenfeder war, Wächter, Beschützer, Druide des cenarischen Zirkels, Anführer von unzähligen Expeditionen an die gefährlichsten Orte der Welt. Als er seine Last aufrecht getragen hat. Bevor er daran beinahe zerbrach.
Es gab alte Kampfgefährten, die ihm verpflichtet waren, und kommen würden, wenn er sie rief – der Silberbundhippogryph Darshan Weißkralle, der Protodrache Marn, der Nachtsäbler Djarr.
Und Fiachá.
Fiachá hatte ihn verlassen, als Bran sich wieder in seine Höhle zurückgezogen hatte. Fiachá hatte bessere Dinge zu tun, als einem alten Bären beim Schlafen zuzusehen.

Ein Lächeln stahl sich auf Brans wettergegerbtes Gesicht. Fiachá würde zurückkehren, früher oder später. Er kehrte immer zurück. Das Band zwischen ihnen war zu stark, um durchtrennt zu werden.
Auch jetzt empfand Bran die Abwesenheit seines Wächters als das Fehlen eines Körperteils. Instinktiv bewegte er die linke Schulter, betrachtete die Krallenspuren auf der Schulterrüstung, seufzte leise.

Burg Nethergarde erhob sich vor ihm. Er erinnerte sich an lange Nächte, die er darin verbracht hatte, im Gespräch mit anderen Kriegern der Allianz. An Tage der Vorbereitung auf die Schlacht. Er erinnerte sich an den Kampf am Dunklen Portal, und an den Krieg auf der anderen Seite. Es schien ein anderes Leben zu sein. Ein Leben, das einem anderen gehörte. War die Sturmkrähe, die über die verbrannte Erde der Höllenfeuerhalbinsel kreiste, tatsächlich er gewesen? Und der Pirscher, der durch den Morast der Zangarmarschen schlich, immer auf der Hut, gespannt wie eine Bogensehne? Der riesige Schwarzbär, ein Bollwerk zwischen den Reihen der Naga und der Einheit der cenarischen Expedition?

Der alte Druide seufzte abermals. Es war Zeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen – wenigstens für eine Weile – und in der Gegenwart zu leben.