Straßennetz

Wir sind nur gesichtslose Schatten
Am rechten Fahrbahnrand
Karawanen moderner Nomaden
Verloren im zähflüssigen Strom
Des niemals endenden Wohlstands
Und Waren des Alltagsbedarfs
Wir sind das Blut in den Adern
Der zivilisierten Welt
Wir sind das Öl in den Lagern
In denen sich das alles dreht

Allein in der endlosen Masse
Gefangen im Netz der Straßen
Es fängt dich ein, es spuckt dich aus
Und es lässt dich nicht los
Es lockt dich mit Freiheit
Mit Weite und Einsamkeit
Mit Mondschein in deinem Spiegel
Und Asphalt, getaucht in Gold
Und mit dem zweifelhaft schönen
Gefühl, ’nützlich zu sein‘
Es lockt dich mit Feuer
Mit Hitze und Dieselgeruch
Mit Träumen von Macht, von Kontrolle
Es verspricht dir den Segen
Und gibt dir den Fluch

Und du zählst nach Jahren die Wochen
Die du fort von zu Hause bist
Du lebst mit dem Schmerz in den Knochen
Manchmal suchst du noch nach dem Sinn
Du kennst die Straßen inzwischen wie Falten
Auf deiner eigenen rauen Hand
Du glaubst, das Netz durchschaut zu haben
Doch du bist nur die Fliege darin

Auch nach mir streckt es sich aus
Und singt für mich in der Nacht
Ich ergebe mich ihm ohne Reue
Und es wiegt mich sacht in den Schlaf
Es befreit mich von sinnlosen Träumen
Und unzähligen Stunden der Angst
Die Hände am Lenkrad, das Pedal bis zum Boden
Fahre ich fort von hier
Und das Scheinwerferlicht und das Dröhnen des Motors
Ist die Treue der Straße zu mir.