Bran; Erinnerungen

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Ein Windzug hatte ihn geweckt. Ja, das musste es sein. Auch wenn es sich nach einer Hand angefühlt hatte, die über sein Gesicht strich.
Er schüttelte sich und blickte sich um. Er war allein in der Höhle, abgesehen von seinen Protodrachen und dem Gorlocjungen Gil. Die Protodrachen schliefen in Gruppen von drei oder vier Tieren auf Felsvorsprüngen, Gil schlief auf dem Höhlenboden in einer mit Wasser gefüllten Mulde.
Der Himmel war noch dunkel, als der Druide aus der Höhle kroch und sich unter einen Baum setzte.
Die Rinde, warm und rau unter seinem Rücken, weckte ein vertrautes Gefühl der Sicherheit in ihm. Der Baum war alt, wenngleich nicht älter als Bran. Er hatte Stürme und Kriege gleichermaßen überstanden. Seine Wurzeln reichten tief ins Erdreich. Der Druide lehnte seinen Kopf gegen den Stamm und schloss die Augen.
Ihm war, als ob der Baum zu ihm flüsterte, ihm von längst vergangenen Zeiten erzählte. Sie riefen Bilder hervor, Schatten, die vor seinen Augen tanzten, und er verlor sich darin.
Das Gesicht seiner Mutter tauchte vor ihm auf. Ihre zarte, schlanke Gestalt beugte sich über ihn, der Blick ihrer blau schimmernden Augen begegnete dem seinen. „Immer brauche ich so lange, um dich zu wecken, Bearain.“

Er steht auf, streckt sich, schiebt dunkelrote Vorhänge beiseite, um durch das Fenster nach draußen zu blicken. Es ist Herbst, seine Lieblingsjahreszeit. Plötzlich ist er aufgeregt, zieht sich hastig an.
„Ich habe Hunger, Mutter.“ Seine Stimme ist voller Ungeduld. Heute ist ein wichtiger Tag, doch was soll geschehen? Wieder schaut er aus dem Fenster, doch auf den Straßen von Zin-Azshari findet er keine Antwort.
„Das Frühstück wartet seit einer Weile auf dich.“ Ihre Antwort ist tadelnd, unzufrieden. Sie ist immer unzufrieden mit allem, was er tut. Mit allem, was er ist. Und sie kann Royan nicht ausstehen.
Jetzt erinnert er sich. Er soll Teil der Mondgarde werden, und heute ist der Tag, an dem er in ihre Reihen aufgenommen werden soll. Er war so stolz darauf gewesen, bis ihm gesagt wurde, dass er sich dann nicht mehr mit Royan und Thenar und Nizaran abgeben darf.
Er geht in den Essraum und setzt sich an den Tisch. Seine Mutter hat schon gefrühstückt, alle haben schon gefrühstückt, nur sein Geschirr steht noch da. Er hat wieder einmal verschlafen.
„Deine Haare sind ein Grauen, Bearain“, jammert seine Mutter, als er zu essen beginnt. „Du kannst unmöglich so zu der Zeremonie hingehen.“
„Royan mag meine Haare“, bemerkt er, bevor ihm klar wird, dass es so ziemlich die tödlichste Äußerung ist, die er machen kann.
„Oh, schon wieder dieses Mädchen. Sie ist deiner nicht wert, Bearain! Du gehörst einer angesehenen Familie an, dein Vater ist ein Vertrauter der Königin! Und dieses Mädchen? Sie ist Abschaum! Sie verdient deine Aufmerksamkeit nicht.“
Sie seufzt und beginnt, mit einem silbernen Kamm seine Haare zu bürsten. Er verzieht das Gesicht, als sie ihm dabei wehtut.
„Du wirst sie schon noch vergessen“, murmelt sie gereizt. „Du wirst wie dein Vater sein, ein reicher, mächtiger Magier. Ja, das wirst du. Du bist dazu geboren. Schau dich an!“
Sie dreht den großen Spiegel zu ihm, als er aufsteht. Eine schlaksige, dürre Gestalt in einer reich verzierten Robe blickt ihm entgegen. Langes, seidig glänzendes Haar von einem so dunklen Blau, dass es fast schwarz erscheint. Ein ebenmäßiges, glattes Gesicht. Und golden leuchtende Augen.
„Du bist mein Sohn, von Kopf bis Fuß.“
Und sie stellt sich neben ihn. Sie ist kleiner als er, und ihr silbriges Haar steht in einem perfekten Gegensatz zu seinem, und doch ist die Ähnlichkeit zwischen ihnen nicht zu übersehen.
Auch, wenn er es hasst, ist er in diesem Augenblick doch stolz darauf – immerhin ist seine Abstammung das Einzige, worüber sie nicht klagen kann.

Die Vision brach ab, so plötzlich wie sie begann. Der Druide schüttelte mit dem Kopf, versuchte, die Vergangenheit aus seiner Erinnerung zu vertreiben. Es gelang ihm nicht, wieder war er darin gefangen.

Er erinnerte sich an Royan.
Während der großen Teilung hatte er sie verloren, für immer, wie er gedacht hatte. Die Welt wurde auseinandergerissen, ganze Landstriche versanken im Meer – und sie mit ihnen, so musste es gewesen sein, sagte er sich immer wieder.
Doch dann kehrten sie zurück, die Freunde seiner Kindheit. Royan und Thenar, unzertrennliche Schwestern wie eh und je, der schweigsame Nizaran, die junge Airidh, die im Begriff war, die beste Bogenschützin zu werden, die er kannte, bevor sie getrennt wurden.
Er war dabei, ein Druide zu werden, ein treuer Anhänger von Malfurion Sturmgrimm. Royan, Thenar und Airidh waren Schildwachen geworden und Nizaran gedachte, ebenfalls bei Malfurion in die Lehre zu gehen.
Seine gesamte Familie starb während der Teilung, sein Vater wohl als einer der ersten, da er sich im Palast der Königin befand, seine Mutter nur wenig später. Es war kein besonders großer Verlust, denn nun hatte er Royan.
Ihr Zusammenleben gestaltete sich selten als einfach, auch war es selten harmonisch oder friedlich. Doch immer gehörten sie zusammen, auch wenn beide ab und an eigene Beziehungen führten.
Der alte Druide lächelte breit, als er an Royan mit einem Kochlöffel in der Hand dachte, die ihn damit verprügeln wollte, weil er wieder mal für eine kleine Ewigkeit in die Wälder verschwunden war, ohne Bescheid zu sagen.
Und an Royan, wie sie ihren neugeborenen Sohn in den Armen hielt und zu ihm hinauf blickte, an das Sternenlicht in ihren Augen und an das Schnurren ihrer Frostsäbler, die stets bei ihr blieben – auch wenn Bran es nicht tat.
Er erinnerte sich an das Leuchten der Laterne, die sie immer brennen ließ, wenn er nicht da war. Erinnerte sich daran, wie ihn dieses Leuchten unzählige Male heimführte, durch dichte Wälder und peitschende Stürme.
Einen Moment lang stellte er sich vor, wie es wäre, wenn er die Augen öffnen würde und das Leuchten durch die Bäume hindurch sehen würde. Wie es wäre, wenn alles geblieben wäre wie damals.
Doch es würde niemals mehr so werden.
Er erinnerte sich an ihr schmerzverzerrtes Gesicht, an die bebenden Lippen und an das Blut, das über seine Hände strömte, als er sie ein letztes Mal in seinen Armen hielt. Er erinnerte sich an die Dämonen, die ihn verhöhnten und an die heiße, alles verschlingende Wut in seinem Inneren. An seinen Sohn, der eine Hand für einen kurzen Augenblick auf Brans Schulter legte und sich dann wieder in den Kampf stürzte.
Er wollte sich nicht daran erinnern.

Mit einem unterdrückten Ächzen hievte sich der Elf auf die Beine. Es wurde Zeit, etwas zu tun, es tat ihm nicht gut, untätig herumzusitzen und auf Dinge zu warten, die vermutlich nie geschehen würden.

Nach kurzer Zeit war er unterwegs nach Astranaar, dicht gefolgt von Gil, dem Gorlocwaisen.