Aberash; gesammelte Werke

Idarolans Tod

Aus aller Kraft hob Aberash den Streitkolben und senkte ihn auf den Schädel des Satyrn. Der Knochen brach auseinander, Blut spritzte zu allen Seiten..
Der Dämon sank zu Boden, seine Hufe zuckten, dann erstarrte er in einer unnatürlichen Haltung.
Aberash wischte sich die Blutspritzer aus dem Gesicht und ließ sich erschöpft auf eine umgestürzte Säule nieder. Der Streitkolben fiel ihr aus der Hand und blieb auf der feuchten Erde liegen.
Doch der ruhige Moment hatte ein jähes Ende gefunden – der Kommunikationskristall, der in einer Adamantitfassung an ihrem Gürtel hing, leuchtete auf.
Sie legte die Hand darauf und schloß die Augen.
„Aberash, es gibt schlechte Neuigkeiten.“ Sie erkannte die Stimme von Caaleigh, einer langjährigen Freundin. „Exarch Idarolan liegt im Sterben.“
Alle Farbe wich aus dem Gesicht der Draenei, sie sprang auf und spürte den Griff des Streitkolbens in ihrer Hand. Sie musste ihn instinktiv aufgehoben haben.
Mit verzerrtem Gesicht streckte sie ihre Arme zum Himmel aus und rief die Mächte, die den Ort bewachten, an dem sie sich befand.
„Bringt mich heim, Geister!“
Es wurde dunkel um sie herum.

Die Schatten tanzten auf den Wänden der mit wenigen Fackeln erleuchteten Kammer. Ein großer, stämmiger Draenei lag auf der Liege, das Gesicht blass und verzerrt vor Schmerz. Blut schimmerte auf den zahlreichen Verbänden auf seinem Brustkorb.
Die Hufe der Schamanin verursachten ein hohles Geräusch auf dem Marmorboden, als sie die Kammer betrat.
„Ich bin gekommen, Caaleigh.“ – sagte sie leise. Sie sah erschöpft aus, und ihre Kleidung war voller Blut und Dreck.
Die Heilerin erhob sich und verließ mit einem stummen Nicken die Kammer.
Aberash trat näher.
„Vater?..“
Der Draenei stöhnte und öffnete die Augen.
„Aberash. Ich hatte… gehofft, dass du kommst… Wollte dich sehen, bevor…“
„Sheesh, Vater. Alles wird gut.“ – sie ging in die Knie und legte die Hände auf seinen Arm.
„Nein, mein Kind. Sie haben mich erwischt… Wir haben sie zurückgeschlagen… jeder Kampf verlangt Opfer, und nun ist die Zeit für mich gekommen, dieses Opfer zu bringen…“
Für einen Augenblick kehrte Stille in den Raum ein, nur das Röcheln des schwer verletzten Verteidigers war zu hören.
„Du kennst meine Visionen, Tochter.“ – sagte er schließlich mit einer überraschend festen Stimme. „Du weißt, wofür ich gekämpft habe und wofür ich mein Leben gegeben habe – für das Volk der Draenei, vereint.“
„Aber Velen…“
„Vergiss Velen, Kind. Velen mag seine Fehler gemacht haben, doch ohne ihn wären wir nur ein kleines Häufchen Überlebende… Er hat Tausende von Draenei gerettet… Nur er allein… Doch jetzt, jetzt ist die Zeit gekommen… wir dürfen nicht mehr fliehen, wir müssen kämpfen. Hörst du, Tochter… wir müssen kämpfen…“
Aberash nickte, unfähig, etwas zu sagen. Tränen liefen über ihre Wangen, sie zitterte.
„Weine nicht um mich, Tochter. Kämpfe für das Licht!“

Wenige Minuten später kehrte die Heilerin zurück. Der Exarch schien für den ersten Moment friedlich zu schlafen, doch dann erkannte sie, dass er gestorben war. Die Gestalt der Schamanin, die auf dem Marmorboden kauerte, trieb Caaleigh Tränen in die Augen. Schweigend drehte sie sich um und ließ Aberash allein.

Kristallwächter

„Es ist jetzt deine Einheit, Aberash. Es sind deine Soldaten.“ – sprach Caaleigh leise.
„Es sind drei verzweifelte Männer, Caaleigh! Die Einheit – sie ist tot.“
„Nein, Geisterseherin.“ – sagte einer der Männer, die sich um Idarolans Grabstätte versammelt hatten. „Die Einheit lebt. Die Kristallwächter sind nicht tot. Idarolan ist tot. Jetzt ist es deine Pflicht, seinen Platz einzunehmen. Deine Pflicht, für die Vision, die er hatte, zu kämpfen.“
Aberash schluckte.
„Es waren seine letzten Worte.“ – sagte sie. „Ich werde kämpfen. Ich werde seinen Platz einnehmen. Wir werden für das Licht kämpfen – in Draenor und in Azeroth. Wir werden die Legion besiegen!“
Die drei Krieger stimmten mit ein.

Zusammen liefen die Kristallwächter über die große Brücke nach Shattrath hinein, um ihre weitere Pläne zu besprechen.

Fandarel

Der Morgen dämmerte über Shattrath.
Der Umschlag lag schwer in Fandarels Hand, als er das Siegel in Form eines Manawyrms brach und das Pergament entfaltete.
Er wusste, wer der Absender des Schreibens war und er konnte ahnen, was darin stand, noch bevor er einen Blick auf die ersten Zeilen erhaschen konnte.
Der Krieger entließ den Boten, der den Brief gebracht hatte, mit einem Nicken, dann ließ er sich auf die Steinbank in der Nähe nieder.
Aberash. Idarolans Tochter.

Er erinnerte sich an den Tag, als Idarolan starb. An die Unternehmung, die nur wenige Stunden dauern sollte und vollkommen ungefährlich sein sollte. Nur ein Aufklärungstrupp. Nichts sollte ihnen zustoßen. Er konnte sich genau an den Morgen erinnern, als sie loszogen. An das Knirschen der Steine unter seinen Hufen, an das geisterhafte Licht der Dämmerung. An die leisen Gespräche zwischen den Männern.
Und an den Hinterhalt.
Sie hatten die Waffen gezogen, alle, wie ein Mann. Sie hatten gekämpft, doch es war aussichtslos, von Anfang an. Selbst Idarolans Versuch, Verstärkung zu rufen war in dem Moment sinnlos gewesen, als die Klinge der Blutelfen seine Lunge durchbohrte. Alles war sinnlos gewesen, als Fandarel klar wurde, dass Idarolan nicht überleben würde.
Sie hatten die Angreifer in die Flucht geschlagen, doch mit welchem Preis? Vier Männer waren von fünfzehn übrig geblieben, und einer davon würde den nächsten Tag nicht mehr erleben.
Etwas war an diesem Tag in Fandarels Innern zerbrochen, und er wusste, dass es nie wieder heilen würde.
„Pass auf sie auf, Darel.“ – hatte Idarolan gesagt, als er blutend in seinen Armen lag und wartete – auf die Verstärkung, die kommen sollte, oder auf den Tod. „Beschütze sie. Ihr darf nichts geschehen.“

Er konnte sich an das Mädchen erinnern, das sie gewesen ist. Und Stunden später, in Shattrath, sah er eine von den unzähligen Kämpfen und den Jahren, die sie auf der Flucht vor der Legion verbracht hatten, gezeichnete Frau. Er hatte in ihr Gesicht geblickt, als Idarolan starb, und es hatte ihn zutiefst erschreckt. Er hatte nicht geahnt, dass soviel Entschlossenheit, so viel Hass und so viel Schmerz in einer Person gleichzeitig existieren können.
Und er wusste, dass seine eigenen Empfindungen nur ein blasser Schatten dagegen waren, sein eigener Schmerz nichts im Vergleich zu ihrem.

Er konnte sich an den Tag danach erinnern, als sie an dem Versprechen zweifelte, das sie Idarolan gab. Er hatte ihr Mut zugesprochen, hatte versucht, ihr ein wenig von der Sicherheit zu geben, die Idarolan ihr gegeben hätte.
Und doch zweifelte er an ihr, an ihrer Kraft und an ihrem Vermögen, an der Sache festzuhalten, die sie begonnen hatte.

Jetzt, Monate später, als er ihren Brief in der Hand hielt und über die Zeilen blickte, wusste er, dass seine Zweifel ein wenig berechtigt waren.
Sie war eine Wahrsagerin, eine Geisterseherin, keine Anführerin. Niemand, der einen Trupp befehlen konnte, so klein er auch war. Idarolan hatte diese Aufgabe ihm – oder jedem anderen seiner Männer übergeben sollen, dachte er missmutig, als er das Schreiben studierte. Doch Idarolan war tot und Aberash hatte den Befehl über die Kristallwächter – oder was davon noch übrig war.

Fandarel erhob sich schwerfällig und faltete das Pergament. Er würde sich der Sache selbst annehmen. Sie hatte ihn um Hilfe gebeten und sie würde sie bekommen.
Es war an der Zeit, sein eigenes Versprechen an Idarolan zu erfüllen.

Versagen

„Ich habe versagt.“
Die Worte hingen im Raum wie ein Gongschlag, obwohl sie leise gesprochen wurden. Als das Echo verflog, nickte Fandarel.
„Du hättest eher zurückkehren sollen.“
„Ich hätte… es ihm nicht versprechen sollen.“
Aberash stand auf und lief unruhig auf und ab, ihr Hufschlag klang hohl und seltsam abgestumpft.
Fandarel seufzt und stand ebenfalls auf.
„Ich bringe es in Ordnung, Aberash. Wenn du gehen musst, um dich selbst wiederzufinden, geh.“
Sie schluckte und blieb stehen.
„Ich weiß nicht, ob ich es kann, Fandarel. Ich weiß nicht, ob ich zurückkehren kann, wenn ich jetzt gehe.“
„Dann… solltest du trotzdem gehen. Sieh dich doch an. Du bist ein Schatten deiner Selbst. So wie du aussiehst, musst du seit Tagen nicht mehr geschlafen haben.“
„Ich kann nicht schlafen.“ – war die Antwort.
„Dann besorg dir ein Schlafmittel, verdammt.“
Der Draenei trat zu ihr und fasste sie am Arm.
„Ich habe Idarolan versprochen, auf dich aufzupassen, und das werde ich auch tun. Du wirst gehen und tun, was du tun musst, bevor du zurückkehren kannst. Ist das klar?“
Sie nickte zögernd.
„Verzeih mir, Fandarel.“
„Es gibt hier nichts zu verzeihen. Und jetzt geh.“

Er blieb für einen Moment dort stehen, als sie gegangen war, dann ging er ebenfalls – er hatte noch viel zu erledigen.

Der Wind

Der Wind peitschte ihr Gesicht mit kaltem Regen und ihre Hufe versanken in der sumpfigen Erde, sie schritt jedoch unaufhaltsam weiter, Schritt für Schritt.
Ein leuchtendes Etwas tauchte ab und zu neben ihr auf und verschwand wieder – der Manawyrmling, ihr einziger Gefährte, der ihr bis zum Schluß geblieben ist.
„Driss…“ – rief sie leise nach ihm und er huschte zu ihrer Hand. Sie fuhr mit den Fingerspitzen behutsam über seinen Kamm. Funken sprühten zu allen Richtungen.
Aberash lächelte. Es war ein mattes, müdes Lächeln, nur eine Bewegung der Lippen – der Blick der Draenei blieb voller Trauer und Bitterkeit.
„Gehen wir, Driss. Es ist nicht mehr weit.“

Der Wind flüsterte mit Tausend Stimmen, die lauter wurden, je weiter sie sich von Telredor entfernte.
„Windsprecherin, Sturmruferin. Zurück, zurück, sie kehrt zurück.“ – flüsterten die Stimmen in ihre Ohren. „Sie kehrt zu uns zurück. Wird sie weggehen? Wird sie uns verlassen?“
Nein, ich werde nicht weggehen, dachte sie, während sie ein Bein vor das andere setzte, von Regen und beißender Kälte geplagt. Es gibt keinen Ort mehr, an den ich gehen kann. Es gibt keinen Ort mehr, an den ich fliehen kann. Es gibt nur Ruinen und eine Schuld, die ich nicht bezahlt habe. Die ich nicht bezahlen kann, weil nichts mehr übrig ist. Weil alles verschwunden ist, was noch da war.
„Die Wunden werden heilen.“ – flüsterten die Stimmen. „Sie wird ihre alte Stärke zurückerlangen und neue Kraft finden, damit sie das Land heilen kann. Damit sie uns führen kann.“
Aberash blickte kein einziges Mal zurück.

Der Wind heulte in den Bergen, als sie die winzige, schiefe Hütte betrat, die ihr und einigen anderen früher als Heimstatt gedient hatte – als ihr Volk in den Zangarmarschen auf der Flucht war. Jetzt war die Hütte verlassen, die Feuchtigkeit der Marschen hat das Holz der Hütte morsch und weich gemacht.
Aberash zündete ein Feuer an, indem sie einige feuchte Zweige übereinanderstapelte und die Feuergeister rief.
„Brennen, brennen!“ – kreischten die winzigen Elementare. „Fressen!“
„Still.“ – befahl die Draenei. Das Feuer brannte. Die Hütte wurde zusehends trocken – sie wusste, dass die Elementarwesen ihr helfen wollten. Meistens richteten sie jedoch mehr Schaden an, als dass sie nützlich waren.
Als das Dach der Hütte Feuer fing, verbannte sie die Feuergeister wieder und ließ den Regen die Flammen löschen.

Der Wind sang von längst vergangenen Zeiten, als die Draenei vor der Hütte saß und aus einem Stück Holz eine Figur schnitzte.
Neben ihr hockte ein Wesen aus dem Volk der Sporeggar und schaute ihr zu.
„Ghhhuut ssssssssschnittssseen.“ – zischte es.
Aberash nickte und streckte dem Sporeggar die fertige Figur entgegen, die einen Talbuk darstellte.
„Willst du es haben?“ – fragte sie ihn.
Der Sporeggar starrte sie an und nickte eifrig, dann erhob er sich und lief mit der Figur davon.
„Komm bald zurück!“ – rief sie hinterher.
Als die Sonne unterging, zog sie sich in die Hütte zurück.
„Eines Tages wird sie das Land heilen.“ – flüsterten die Stimmen der Elementargeister. „Doch jetzt muss sie sich ausruhen. Sie muss sich selbst heilen, bevor sie andere heilen kann. Wir warten. Wir sind geduldig. Wir werden warten.“

Der Wind schlägt um

Listen as the wind blows from across the great divide
voices trapped in yearning, memories trapped in time
the night is my companion, and solitude my guide
would I spend forever here and not be satisfied?

Through this world I’ve stumbled so many times betrayed
trying to find an honest word to find the truth enslaved
oh you speak to me in riddles and you speak to me in rhymes
my body aches to breathe your breath your words keep me alive

Into this night I wander it’s morning that I dread
another day of knowing of the path I fear to tread
oh into the sea of waking dreams I follow without pride
nothing stands between us here and I won’t be denied…

Der kalte Nordwind spielte in ihren Haaren, als sie an den Klippen des Fjords stand. Die Sonne war beinahe verschwunden, die Dunkelheit verdichtete sich rasch.
Das Treiben im Lager unter ihr versiegte nach und nach, das Stimmengewirr wurde leiser. Die Draenei lächelte, als sie die letzten Sonnenstrahlen, die sich auf dem Wasser spiegelten, beobachtete.
Einige Tage waren vergangen, seit sie dieses Land betreten hatte. Sie hatte die Entscheidung, hierher zu kommen, nicht bereut, obwohl sie immer noch an ihrer Richtigkeit zweifelte.
In ihren Gedanken kehrte sie abermals in die Zangarmarschen zurück, an den See hinter der Siedlung der Sporeggar.

Sie hatte den Stimmen der Geister gelauscht, als eine andere Stimme, die einem lebenden Wesen aus Fleisch und Blut gehörte, sie aus der Geisterwelt riss.
Sie hatte ihren Augen nicht trauen wollen, als sie die Gestalt vor ihr erkannt hatte. Sie hatte ihren Augen nicht trauen wollen, als Yuval auf sie zuging und sie umarmen wollte, jedoch zurückwich, als ob sie ein wildes Tier wäre.
Vermutlich sah sie wie eins aus, mit den ganzen Amuletten und Armbändern und dem wirren Haar.
Sie wollte nicht glauben, dass er wirklich gekommen war, dass er sie nicht vergessen hatte – wenigstens einer, der sie nicht vergessen hatte.
Sie hatte gedacht, dass er ihr Vorwürfe machen wollte, weil sie fortgegangen ist – doch sie musste fortgehen, sie musste gehen, um Antworten auf Fragen zu finden, die sie quälten. Doch stattdessen hatte sie sich selbst verloren.
Und er hatte sie gefunden.
Sie war ihm nach Azeroth gefolgt, nach Sturmwind, und dann in das Land im Norden, wo sich eine uralte Macht erneut sammelte, um alles Lebende zu zerstören. Als Teil unzähliger Armeen der Allianz wie der Horde, musste die Geisterseherin gegen diese Macht kämpfen, ebenso wie sie zuvor gegen die Brennende Legion gekämpft hatte.

Die Nacht hatte ihren Schleier über die Festung gelegt, und es wurde beinahe still. Aufmerksam beobachtete Aberash die Letzten, die noch am Feuer saßen, während sie die Ereignisse der letzten Tage immer und wieder in ihr Gedächtnis zurückrief, als ob sie sich fürchtete, auch nur ein kleines Detail zu vergessen.

Yuval hatte seine Hand auf ihre Schulter gelegt, als sie am Steg von Menethil standen und sie vergeblich versuchte, durch den Nebel hindurchzublicken, ohne zu wissen, was sie eigentlich hinter dem Nebel sehen wollte. Die Kettenrüstung ließ sie nur ein zusätzliches Gewicht auf ihrer Schulter spüren, doch sie wich trotzdem zurück, ohne darüber nachzudenken.
Und dann waren sie auf das Schiff gegangen.