Aberash; Der Anfang vom Ende

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Der Wind wirbelte ihr Haar auf, als sie den Kettenhelm absetzte und ihn achtlos auf die Erde fallen ließ.
Der Wind flüsterte mit Tausend Stimmen, als sie sich auf einen blutbeschmierten Felsen niederließ und die Leiche eines Geißelanhängers, den sie soeben erledigt hatte, betrachtete. Tausende von Bildern waberten, einem dichten Nebel gleich, vor ihren Augen auf. Die Leiche verschwamm und wurde aus ihrer Wahrnehmung verbannt.

Sie war verloren, und das wusste sie. Ihr Leben – ihre Existenz – war verworren wie ein Wollknäuel, den man einer Katze zum spielen gegeben hatte. Es bestand aus Erinnerungen an die Pflicht ihrem Vater gegenüber, an ihr Versagen, an Ruinen und an eine unbezahlte Schuld; aus Stimmen der Geister und Visionen ihrer Welt, aus ihren Erscheinungen, die sie stets begleiteten; und sehr selten, aus Augenblicken, in denen sie die Welt wahrnahm, wie sie tatsächlich sein mochte – Dinge mit ungetrübten Augen betrachten konnte, bevor der Nebel wieder über sie hereinbrach.

Viele ihres Volkes, die dem Weg Nobundos folgten, hätten sie für ihre Fähigkeit, die Geisterwelt in diesem Maße wahrnehmen zu können, vielleicht beneidet. Sie verfluchte es, sie hasste es – und es war so sehr ein Teil von ihr geworden, dass sie gar nicht mehr wusste, was Wirklichkeit war und was nicht. Sie hatte die Grenze längst hinter sich gelassen, und der schmale Pfad, auf dem sie einst gewandert war, war schon lange zu einem Abgrund geworden, in den sie fiel – tiefer und tiefer.

Manchmal verstummten die Stimmen und die Visionen verschwanden. Meist wurden diese Augenblicke von Kämpfen beherrscht – gegen die Legion, gegen die Geißel, gegen sich selbst. Sie säuberte ihre Rüstung, schärfte ihre Waffen, bevor sie sich wieder in die Schlacht stürzte, sich wieder in dem Nebel der Traumwelt und ihrer Erinnerung verlor. Manchmal gab es Nächte, in denen sie verzweifelt nach dem Licht rief, bis sie kraftlos zusammenbrach und ein traumloser Schlaf einem Segen gleich über sie kam – das Licht hatte sich längst vor ihr verschlossen, seine Kraft unerreichbar und fern.
Manchmal beherrschte sie die Elementargeister, die ihr seit der Zeit, in der sie dachte, in den Zangarmarschen Zuflucht und Ruhe finden zu können, unaufhörlich folgten. „Drathir, drathir!“ – rief sie mit den Feuerelementaren zusammen, während sie eine gleißende Feuerwoge ihren Feinden entgegen schmetterte. Manchmal gehorchten ihr die Wassergeister und heilten die Wunden, die sie in den Schlachten erhielt.

Doch all das waren nur Momente, in denen der Nebel sich lichtete. Sie erinnerte sich, wann es begann, wann sie die Kontrolle verloren hatte. Sie erinnerte sich, wie Yuval sie aus den Zangarmarschen nach Azeroth, in das lange Zeit vergessene Land im Norden führte. Wie andere, fremde Stimmen sich zu den gewohnten gesellten, die über ein zerbrochenes Land klagten. Sie erinnerte sich, wie sicher sie sich in seiner Nähe fühlte, wie er sie lehrte, sich auf den nächsten Tag zu freuen und Hoffnung zu haben. Und sie erinnerte sich an die andere Schamanin, die Fremde, die sie und Yuval in den eisigen Weiten der Tundra trafen. An dem Tag hatte der Anfang vom Ende ihrer Reise mit Yuval begonnen.
Zu spät hatte sie es erkannt, zu spät hatte sie gesehen, dass sie lieber hätte kämpfen sollen, als sich auf seine und ihre Worte zu verlassen.
Er hat dich verraten, Aberash, hatte sie an dem Tag zu sich selbst gesagt, an dem sie wieder einmal nach Dalaran zurückkehrte, in die Hauptstadt der Magier, den einzigen wirklich sicheren Ort in Nordend – und Yuval mit Tsuno, der fremden Schamanin, sah.
Und der Faden, den sie an die wirkliche Welt band, wurde dünner, bis er schließlich riss und sie in den Abgrund stürzen ließ.

Manchmal suchte sie nach ihm, hielt sich an dem Gedanken fest, er wäre immer noch ihr Gefährte, der einzige, den sie als solchen akzeptiert hatte, der einzige, mit dem sie Wege beschritten hatte, auf die sie sich allein nie trauen würde. Jedoch kam sie immer zu spät an den Orten, an den er gewesen war, an. Bis auch die Bindung, die sie zu ihm aufgebaut hatte, gerissen war.

Manchmal war es ihr, als würde sie aus zwei Personen bestehen – die eine – die zerschlagene Anachoretin, zu der Elementargeister sprachen und die sich stets bemühte, weise und entschlossen zu handeln, die stets versuchte, die Ehre ihres Vaters weiterzutragen. Die andere – eine Manifestation von Zorn, Hass, und großer Trauer, die jedoch mit der Zeit abstumpfte und zu noch mehr Hass wurde; die Geisterwölfin, die unermüdlich durch die Weiten Nordends trottete, namenlos, gesichtslos, nur eine von Hunderten der Wanderer, Krieger und Abenteuerer, die gegen die Geißel kämpften.
Und ihr war schon lange klar, dass sie nichts mehr gegen den Wahnsinn, der sie zunehmends mehr und mehr ergriff, tun konnte.

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Der Helm knirschte, als die Schamanin blindlings drauftrat. Miteinander verwobene Metalketten barsten unter dem Huf der Draenei. Sie beugte sich nach dem Helm, der jetzt eher einen sinnlosen Klumpen Metall darstellte, richtetete sich jedoch gleich wieder auf, den Helm offensichtlich vergessen.
„Indris!“ – rief sie aus vollem Hals, die Stimme verstärkt von den Elementargeistern, die die Draenei ständig begleiteten. Nur wenige Augenblicke darauf preschte eine graue Talbukstute herbei, kam zum Stehen, tänzelte und wieherte unruhig, mit einem wahnsinng anmutenden Leuchten in den Augen.
Die Draenei stieg in den Sattel, klopfte der Stute scheinbar ermunternd auf den Hals. Der stachelige Kettenhandschuh bereitete dem Tier dabei offensichtlich Schmerzen, sodass es im vollen Galopp losrannte, über Felsen und Äste, und Leichen der Geißelanhänger sprang, bis es schließlich das Schlachtfeld weit hinter sich gelassen hatte.

Die Draenei selbst schien ihre Umgebung kaum wahrzunehmen, das Gesicht in einer zornigen Grimasse erstarrt. „Drathir!“ – schrie sie plötzlich mit einer verzerrten Stimme, als die Stute sich beruhigte und ihren Gang verlangsamte, und die niederen Feuerelementare, die sich nach und nach um die Schamanin herum manifestierten, fingen an, die trockenen Büsche der Tundra in Flammen zu setzen.
Der aufkommende Brand wurde jedoch ziemlich schnell von einem Regenguss erstickt, der wie aus dem Nichts kam und wieder versiegte, als die Flammen zur dampfenden Asche wurden.
„Untote wohin man schaut.“ – gab die Schamanin grimmig vor sich. „Verfluchte Biester.“