Asarhia; eine neue Dämmerung

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Etwas berührte ihren Arm. Asarhia wurde jäh aus dem Schlaf gerissen, sprang auf, verzog das Gesicht vor Schmerz, als sie dabei versehentlich den linken Fuß belastete.
Es herrschte Dämmerlicht – auf dem Gipfel wurde es nie ganz dunkel, dennoch brauchte sie einige Augenblicke, bevor der Schleier der Träume von ihren Augen verschwand und sie ihre Umgebung bewusst wahrnahm.
Sie war auf dem Dach des Gasthauses. Hier verbrachte sie oft die Abendstunden, meistens schlief sie auch hier. Ein zusammengerolltes Bärenfell und eine Feldflasche, die in der Nähe lagen, zeugten davon. Heute blieb das Fell allerdings unbenutzt – oder zumindest erfüllte es nicht seinen eigentlichen Zweck. Saorr hatte seinen Kopf darauf gelegt und schlief, die Pfoten unter dem Körper zusammengelegt. Doch es war nicht Saorr, der sie geweckt hatte.
Asarhia drehte sich um, sah die andere Gestalt, die ebenfalls auf dem ebenen Holz des Dachgiebels lag. Einen Moment lang betrachtete sie diese, verharrte dabei reglos in ihrer wenig bequemen Position. Der Mensch lag auf dem Rücken, den Kopf zur Seite gedreht. Eine Hand ruhte auf der Brust, den anderen Arm hatte er ausgestreckt. Er schien zu träumen; seine Stirn kräuselte sich und unter den geschlossenen Augenlidern konnte sie sehen, wie sich seine Augen bewegten. Ab und zu zuckten seine Finger.
Worüber hatten sie gesprochen? Sie konnte sich nicht mehr genau erinnern; sie war müde und war wohl irgendwann eingeschlafen. Sie wurde schnell müde, ihr Körper hatte nicht mehr die Kraft, die sie gewohnt war.
Das seidene Kleid, das sie trug, hing an ihr herab. Sie sah ihre Beckenknochen hervorstechen, als sie an sich herunterblickte. Ein Zeichen ihrer Schwäche, ihres Verfalls. Nordend hatte alle Kraft, alle Entschlossenheit aus ihr gezogen und nur ein leeres Gefäß hinterlassen. Die Tage voller Entbehrungen, die zu Wochen und schließlich zu Monaten wurden, die ewig andauernden Kämpfe, der Schmerz der Verletzungen, die Narben, die diese hinterließen – all das hatte an ihr gezehrt. Nun war kaum noch etwas von ihr übrig, äußerlich ebenso wie im Inneren.
Sie konnte nicht einmal mehr ihren Bogen spannen. Sie erinnerte sich, wie sie Johshua etwas von einem Orc erzählt hatte, der sie am Berghang überraschte. Wäre sie allein, hätte der Orc ein leichtes Spiel mit ihr gehabt. Saorr hatte ihn bezwungen, ihn anschließend zerfetzt und sein Herz verschlungen. Sie wusste nicht, was er damit bewirken wollte – den Rest des Leichnams hatte er an Ort und Stelle liegengelassen. Sie hatte zugesehen, unfähig, etwas zu tun.
Sogar hier, in dieser Zuflucht, in der sie sich für eine kurze Zeit sicher fühlen konnte, war sie nicht weit genug entfernt vom Krieg. Sie zwang sich, immer wachsam zu bleiben, versuchte, sich wieder wie eine Bogensehne zu sehen, gespannt, um in jedem Augenblick ein tödliches Geschoß auf seinen Flug zu schicken. Auch das zehrte an ihren ohnehin geringen Kräften.
Wieder sah sie zu dem schlafenden Mensch. Warum war er gekommen? Ihre Wege hatten sich im Norden getrennt. Sie hatte gedacht, er wäre gefallen, hatte gedacht, sie hätte ihn für immer verloren. In gewisser Weise war es so, auch wenn er lebte.
Sie liebte ihn immer noch, nicht auf die gleiche Art, wie sie Nizaran geliebt hatte, wie sie einen anderen Kaldorei lieben würde, aber sie glaubte, es war dennoch Liebe oder zumindest etwas, das man so nennen konnte. Sie wusste jedoch, dass es falsch war. Sie konnte ihn nicht halten, sie konnte ihn nicht schützen. Sein Leben war zerbrechlich. Der Faden konnte jeden Moment reißen. Ein verirrter Pfeil. Eine Felsspalte. Ein Hinterhalt. Es gab so viele Gefahren. Und selbst, wenn er keinen gewaltsamen Tod starb, würde er dennoch sterben. Sein Leben war ein langsamer Tod. Sie konnte es sehen, konnte die kleinen Falten sehen, die sich in seine Haut gruben – vor dem Sturm auf Nordend waren sie noch nicht da. Sie durfte ihn nicht als etwas Anderes als einen Freund, einen ehemaligen Kampfgefährten sehen. Das sagte sie sich immer wieder, kämpfte gegen den Widerspruch in ihrem Inneren an.
Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, während sie ihn beobachtete, fanden kein Ende, kein Ziel. Schließlich stand sie auf, stieg ruhelos vom Dach, suchte im Inneren des Hauses nach einer Beschäftigung. Sie fand den Hirschbraten vom Vortag und aß genug Fleisch für drei Krieger. Dann überprüfte sie ihre Rüstung, ihre Waffen. Wechselte widerwillig den Verband an ihrem Fuß – dort, wo früher ihre Zehen waren, war Nichts, und dieses Nichts verwirrte sie. Die Haut, die über der Wunde gewachsen war, war hell und empfindlich. Sie wickelte mehrere Lagen Leinen darum. Es linderte den Schmerz, wenn nur ein wenig. Dann stopfte sie zusammengewickelte Lederfetzen in ihren Stiefel, damit das vordere Ende nicht so flach schien. Sie hasste es, Aufmerksamkeit darauf zu ziehen. Es würde schon gehen, irgendwann. Der Schmerz würde verschwinden, sagten die Druiden. Sie wollte ihnen Glauben schenken, auch wenn es nicht einfach war.
Nachdem sie die Pfeile in ihrem Köcher gezählt hatte, begann es, hell zu werden. Sie bereitete sich einen beruhigenden Kräutersud zu, trank diesen. Von einem der Betten nahm sie eine Decke und kehrte mit dieser wieder auf das Dach zurück. Johshua war noch nicht aufgewacht, sein Schlaf war jedoch unruhig. Mit einem Seufzen legte sie die Decke um ihn, setzte sich eine Weile lang daneben. Die Kräuter taten schon bald ihre Wirkung. Sie legte sich zu Saorr, den Kopf auf eine seiner Pranken, und schlief wieder ein.