Asarhia: Erdbeben

Asarhia lag auf dem Rücken und starrte die Zimmerdecke an. Sie war aufgewacht, als Saorr in das Zimmer geschlichen kam. Er brachte den Geruch von Wald und Blut mit sich, und sie konnte dunkle Spritzer auf seinem Brustfell sehen. Sie hatte ihn weggeschickt, als sie Dolanaar erreichten, aber genau so gut könnte sie versuchen, ein Bein oder einen Arm wegzuschicken. Gerade in der letzten Zeit weigerte der Frostsäbler sich, sie allein zu lassen. Sie hatte sich gewundert, dass er so bereitwillig in den Wald gegangen war.
Aber ich war nicht allein, meldete sich eine Stimme in ihren Gedanken und sie lächelte. Saorr hatte darauf vertraut, dass sie in Sicherheit war.
Vertraute sie selbst darauf? Sie wusste es nicht. Etwas geschah mit der Welt, und sie wusste nicht, welchen Platz sie in diesem Geschehen haben sollte. Seit sie den Steinkrallengipfel vor einigen Tagen verlassen hatte und nach Darnassus zurückgekehrt war, hatte sie hartnäckig trainiert. Sie war immer noch nicht gut in Form, aber es wurde besser. Immerhin konnte sie wieder laufen, ohne sich an Saorr festhalten zu müssen.
Wenn sie das Training nicht aufgab, würde sie in einigen Wochen wieder kampfbereit sein. Doch würde sie weiterhin die Gelegenheit haben, sich damit zu beschäftigen?
Kurz vor ihrer Abreise vom Steinkrallengipfel spürte sie das erste Zittern der Erde. Mittlerweile waren es leichte Erdbeben, die den Boden unter ihren Füßen immer wieder erschütterten. Saorr wurde stets kurz davor unruhig, lief hin und her, knurrte warnend. Sie hatte ihn selten so gesehen – mit gesträubtem Fell, mit angelegten Ohren, mit peitschendem Schwanz. Selbst in Nordend, im Angesicht der Geißel, blieb er zumeist ruhig, wenn auch wachsam und angespannt.
Erst hatte sie gedacht, die Beben beschränkten sich nur auf das Gebirge, aber sie machten sich sogar auf Teldrassil bemerkbar. Ein Reisender aus Sturmwind, der im darnassischen Teehaus Halt gemacht hatte, erzählte, dass man sie auch in den östlichen Königreichen wahrnehmen konnte.
Das und die Tatsache, dass einige der Druiden auf der Mondlichtung von düsteren, beunruhigenden Visionen erzählten, stimmte Asarhia ausgesprochen missmutig. Sie malte sich die erschreckendsten Szenarien aus, bis Johshua im Teehaus auftauchte.
Sie hatten es schnell verlassen, gemeinsam. Sie versuchte, sich nicht für die Blicke zu interessieren, die einige der anwesenden Elfen ihr zuwarfen, versuchte allerdings auch, eine gewisse Distanz zu dem Menschen zu wahren – wie jedes Mal, seit er wieder aus Nordend zurückgekehrt war.
In einer kleinen Höhle, die ihr und vielen darnassischen Druiden oft als Schlafplatz diente, hatten sie sich unterhalten und einen Flachmann mit Branntwein herumgehen lassen. Bis sich das Gespräch wieder um sie beide drehte. Um das, was war – und vielleicht noch andauerte. Und darum, dass er des Kampfes müde war. Es hörte sich für sie so sehr danach an, als würde er alles aufgeben wollen. Sie fand sich neben ihm sitzend wieder und hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt, da sie hoffte, ihm dadurch Kraft geben zu können – und dann hatte er sie in seinen Armen gehalten und sie kämpfte mit sich selbst um Beherrschung.
Sie wollte fliehen und gleichzeitig bei ihm bleiben, wollte weit weg sein und gleichzeitig nirgendwo anders als hier. Dann hatte sie unüberlegt gesprochen. Hatte ihn mit ihren Worten verletzt.
Er ging. Asarhia sah seine Gestalt zwischen den Bäumen verschwinden.
„Schnell, Saorr“, hatte sie gesagt, doch der Frostsäbler stand bereits neben ihr, bevor sie den Satz zu Ende sprechen konnte. Mit wenigen Sprüngen hatte die Raubkatze die Entfernung zwischen ihnen überwunden. Mit gesträubtem Fell und hochgezogenen Lefzen knurrte Saorr den Menschen an. Johshua blieb stehen.
„Geh nicht“, hatte sie ihm gesagt. Und er blieb.

Jetzt, im Gasthaus von Dolanaar, konnte sie seinen Atem hören, wenn sie darauf lauschte. Im diffusen Dämmerlicht des Raums konnte sie seine Gestalt auf dem anderen Bett sehen. Es war falsch, ihn am Gehen zu hindern, das wusste sie. Dieser Weg würde sie in den Abgrund führen, wie das letzte Mal.
Aber sie konnte nicht anders, konnte ihn nicht gehen lassen, wenn die Zukunft so unsicher war, wenn selbst die Druiden der Mondlichtung sich vor der Zukunft fürchteten. Sie konnte ihn nicht gehen lassen. Sie musste ihn beschützen.