Bran; Nachwehen

Der Bärengeist war stark.
Der Bärengeist war zornig.
Der Bärengeist wollte Rache.
Bran versuchte vergebens, sich zu beruhigen, ein Gleichgewicht in seinem Inneren zu finden, ein Gleichgewicht zwischen der wilden, ungezügelten Kraft des Bären und seiner eigenen Weisheit.
Die ersten Sonnenstrahlen tanzten auf der Oberfläche des Sees. Irgendwo, weit weg, heulte ein Wolf. Der Wind brachte den Geruch von Blut mit sich und Bran nahm zuerst an, dass die Wölfe ein Reh gerissen hatten, doch dann wurde ihm klar, dass es sein eigenes Blut war.
Der Druide erschauderte. Die Stärke und die Wut des Bären fielen mit einem Mal von ihm herab, wurden vom Nordwind fortgetragen. Schlagartig kam der Schmerz und die Kälte, die Taubheit im linken Arm und das Verlangen nach Schlaf.
Seine Lederroben waren mit Blut und Schmutz bedeckt und den Handschuhen haftete ein Gestank an Aas an. Angewidert zog er sich aus, zischte dabei durch die Zähne, als die Wunde auf der Schulter wieder aufriss.
Eine seltsame Anspannung ergriff ihn, als er nackt am Seeufer stand. Etwas Beunruhigendes lag in der Luft. Der kalte Wind ließ ihn jede seiner alten Wunden spüren, jede Narbe, die sich über seine Haut zog. Nun würde vielleicht eine weitere dazukommen.
Er tauchte in das Wasser ein, ließ die eisigen Wogen sich über seinem Kopf schließen. Umrisse von alten Ruinen waberten in der blauen Tiefe, Fische und andere Wasserwesen bewegten sich durch Risse und Öffnungen des Gemäuers. Mit kraftvollen Bewegungen schob er sich durch das Wasser, ignorierte den brennenden Schmerz in seiner Schulter.
Nach einer Weile kehrte er zu seinen Sachen zurück, rieb sich mit einem trockenen Stück Leinen ab und inspizierte zum ersten Mal die Schulterwunde, die ihm die Waffe der untoten Kreatur beigebracht hatte.
Es war sein Glück, dass der Bärengeist die Wucht des Schlages zum Großteil abgewehrt hatte. Die Wunde war nicht sonderlich tief und verlief gleichmäßig. Er zog die Wundränder aneinander, fletschte die Zähne. Das kalte Wasser hatte den Blutfluss gestillt, aber der Schmerz blieb.
Mit vor Kälte und Müdigkeit zitternden Fingern zog er sich einen einfachen Stoffkilt an und warf sich einen Wildlederumhang über die andere Schulter. Dann holte er eine dünne Knochennadel und einen Garn aus Pflanzenfasern aus seiner Tasche und begann, die Wunde zu nähen.
Als er fertig war, schmerzte sein Nacken von der unnatürlich verdrehten Position, die er beim Nähen innehatte. Er stöhnte missmutig, zog sich ein frisches Hemd an, legte sich unter eine hervorstehende Wurzel und schlief ein, nachdem er sich in seinen Umhang gewickelt hatte.
Stunden später packte er seine Tasche zusammen, klemmte sich die schmutzige Robe unter den Arm und lief zurück nach Astranaar.