Bran; Elwynn

Die Sonne brannte auf seiner Haut, auf der bereits vernarbten Schulterwunde, brannte auf seinen Augenlidern. Bran erhob sich widerwillig, sah sich um.
Er war in den Hügeln in der Nähe von Sturmwinds Mauern. Drei junge Bäume stritten sich um ein winziges Plateau bei einem Wasserfall. Auf diesem Plateau hatten sie Halt gemacht. Die Sonne ging beinahe auf, als sie zur Ruhe kamen. Nun musste es Mittag sein.
Maralea schlief auf seinem Umhang. Er erinnerte sich gar nicht, ihn hingelegt zu haben, aber er war müde, als sie hier ankamen. Müde von der Schiffahrt, von dem darauffolgenden Kampf mit den Elementaren – zumindest nahm er das an. Müde vom Krieg. Von den Schmerzen, die ihn beinahe ständig plagten. Und der Angst, die die Schmerzen mit sich brachten.
Unruhig drehte er sich herum, starrte vom Hügel hinunter, durch die Bäume hindurch, dorthin, wo die Felder von Westfall begannen.
Es war so einfach, so verlockend, mit dem Bärengeist eins zu werden. Sein Selbst im Austausch für die unermessliche Kraft, die schier endlose Ausdauer aufzugeben. Der Bär hatte keine Schmerzen, keine Sorgen. Er fürchtete sich vor nichts und niemanden. Der Bär war frei.
Bran war es nicht und die Angst, die Kontrolle zu verlieren, brachte ihn dazu, den Bärengeist auf Abstand zu halten. Und wenn er den Bärengeist brauchte, wurde er von dessen angestauter Wut hinfort gespült und es trat ein, wovor er sich so fürchtete. Der Bär schob sich in den Vordergrund und hinterher erinnerte Bran sich nicht einmal mehr, was er getan hatte.

Früher war es anders. Erst in Nordend, in der Eiskrone, zerriss die Bindung zwischen dem Druiden und dem Bärengeist. Vorher, als er eins mit dem Geist war, überließ er dem Bär oft die Führung. Der Bär kam und ging, wie es ihm beliebte. Bran ließ sich treiben, wanderte über Wege, die nur dem Bären bekannt waren. Verließ sich auf seine Kraft, seine Weisheit, seine Geduld.
Und der Bär verirrte sich an den Flussufern der Grizzlyhügel, wo seine wilden Artgenossen Winterlachse fingen, während in der Eiskrone nach wie vor erbitterte Kämpfe tobten. Er schlief an den Orten, wo er Mithael kennengelernt hatte, eine junge Heilerin des cenarischen Zirkels. Eine Druidin am Anfang ihrer Ausbildung, die in ihm Dinge weckte, die er für verloren hielt.
Und währenddessen kämpfte sie in der Eiskrone um ihr Leben. Ein Kampf, in dem sie alles gab, was sie hatte. Bran kehrte zurück, doch er kam zu spät. Gefangen an der Grenze zwischen Elf und Tier, verzerrt und verdorben fand er sie. Fort war die Jugend, die noch ihr Gesicht kennzeichnete, fort war die Zuversicht, fort war die Hoffnung in ihrem Blick. Es blieb nur noch Schmerz und Bitterkeit. Und es war seine Schuld.
Es war seine Schuld, denn er war nicht da gewesen, als sie ihn brauchte. Er war nicht da gewesen, um sie zu beschützen, obwohl es das Einzige war, das er wollte. Er hatte versagt.
Gemeinsam gingen sie nach Kalimdor. Er brachte sie in das Eschental. Er hatte sich geschworen, sie nicht mehr allein zu lassen. Hatte geschworen, alles zu tun, um seinen Fehler wiedergutzumachen. Er hatte sein Versprechen gehalten, bis er eines Tages erwachte und sie nicht an seiner Seite fand. Sie war fort, spurlos verschwunden. Es wunderte ihn nicht. Er hatte versagt. Warum sollte sie ihm vertrauen?
Er selbst vertraute sich nicht mehr. Und noch weniger vertraute er dem Bärengeist. Die Kluft wuchs und vertiefte sich. Ohne seine schützende Umarmung, ohne die heilende Kraft fühlte er sich elend und allein. Er versteckte sich hinter einem selbstsicheren Gesichtsausdruck, hinter sorgfältig aneinandergereihten Worten und tat so, als wäre alles in Ordnung.
Dann traf er Maralea.

Auf dem Hügel an der Grenze zwischen Westfall und Elwynn drehte er sich um, betrachtete die schlafende Gestalt der jungen Schwingenmeisterin.
So viele Widersprüche.
Er fuhr sich durch die verfilzten Haare, dachte daran, dass er mal wieder eine Bürste auftreiben sollte, und daran, dass ein scharfes Messer vielleicht mehr helfen würde, als eine Bürste.
Er setzte sich auf die Erde, wo er bis vor kurzem geschlafen hatte, legte behutsam eine Hand auf Maras Rücken.
Sie überraschte ihn jeden Tag aufs Neue.
Er hatte mittlerweile aufgegeben, etwas im Bezug auf sie zu erwarten. Sie zeigte sich jeden Tag anders, wie ein sturmgepeitschter Baum oder die Wolken am frühen Morgen, stets im Wandel.
An ihrem ersten Treffen war er über ihre gefasste, konzentrierte Art erstaunt, ihre sorgfältig gewählten Worte. Später wunderte er sich über den Respekt, den sie ihm entgegenbrachte. Mittlerweile glaubte er, aus dem Respekt sei eine unerklärliche Hingabe geworden. Immerhin erduldete sie ihn nun seit einer ganzen Zeit.
Sie wollte von ihm lernen, und am Anfang glaubte er nicht, dass er ihr etwas beibringen konnte. Sie schien bereits sehr viel zu wissen, viel zu verstehen, und doch hörte sie ihm bereitwillig zu, wenn er etwas erzählte, ob es Lehren des Zirkels waren oder belanglose Geschichten aus seinem Leben.
Nach und nach gewöhnte er sich an ihre Anwesenheit. So sehr, dass er bei ihr blieb, wenn er sich mal wieder an den Bärengeist verlor. So sehr, dass ihre Stimme den Zorn des Bären hinfortspülte.
Er war sich sicher, Maralea immer noch nicht zu kennen. Es gab noch zu viel, womit sie ihn überraschen konnte. Die Tatsache, dass er es zuließ, wunderte ihn.
Sie war anders als Mithael, anders als jene vor ihr. Sie weckte in ihm nicht den Wunsch, sie zu beschützen. Er wusste, dass sie im Kampf genau so gut war wie er, wenn nicht noch besser. Er verließ sich auf rohe Kraft, sie setzte stattdessen auf Schnelligkeit und Zielsicherheit – und auf ihre Eulenbegleiter. Sie war anders als die Novizinnen des Zirkels, die er vor ihr kannte.
Er mochte es nicht, wenn sie sich vor ihm verneigte und ihn Shan’do rief, er mochte es nicht, wenn sie in ihm mehr sah, was er war. Und das tat sie zweifellos. Er wusste nicht, weshalb sie das tat. Er wusste nicht, welche seiner Eigenschaften sie dazu bewogen hatte, ihn als ihren Lehrmeister zu erwählen.
In einer Sache war er sich sicher – es war gut, dass sie ihm folgte. Auch wenn er ihr nicht so viel beibringen konnte, wie sie sich erhoffte, so war ihre Präsenz ein willkommener Anker.

Wieder kratzte er sich am Kopf. Dann ließ er sich auf alle Viere fallen, versank in dem Nebel, der aufkam, als er sich mit dem Bärengeist vereinte. Legte sich neben Maralea auf die Erde.
Auch wenn seine Gedanken immer noch aufgewühlt waren und er von düsteren Zukunftsvisionen geplagt war, gab der Bär sich zumindest für den Moment damit zufrieden, seine Nase gegen ihren Rücken zu pressen und ihren Geruch zu atmen.
Die Sonne, die auf sein Fell schien und der Wind, der die Baumkronen über ihn bewegte, machte ihn schläfrig.
Das plötzliche Flügelgeflatter einer von Maraleas Eulen, die wohl von einer Jagd zurückkehrte, vertrieb die herbeiziehenden Träume. Der Bär mochte die Eulen nicht. Für ihn waren sie Rivalen, Fremde, die etwas beanspruchten, was ihm gehörte.
Bran unterdrückte die Regung des Raubtieres, bedeckte seinen Kopf mit den Pranken und schlief ein.

Comments (1)

MaraNovember 21st, 2010 at 21:29

Einfach Wunderbar.
*wuschel*