Asarhia; Weltenbeben

***

Stunde um Stunde vergingen, ein Tag reihte sich an den anderen. Wochen zogen dahin.
Asarhia verlor das Zeitgefühl, wie damals in Nordend, als sie mit Variel durch die eisigen Weiten zog. So viel war geschehen – zu viel, um es zu ordnen. Sie ließ die Dinge an sich vorbeigehen und fühlte Erleichterung darüber, dass sie es immer noch schaffte, am Leben zu bleiben. Aber es konnte nicht immer so weitergehen. Es war Zeit, Ruhe zu finden, wenigstens einige Tage lang. Zeit, über Dinge nachzudenken und das Gleichgewicht wiederzufinden. Sie würde vielleicht nie ein Druide werden können wie Nizaran es gewesen war, doch das Gleichgewicht gehörte immer noch zu den wichtigsten Dingen, auf die ein Anhänger des cenarischen Zirkels achten sollte.

Sie blickte über die kleine Siedlung im Schatten der riesigen Marschenpilze. Saorr, wie immer an ihrer Seite, geduldig und standhaft, folgte ihrem Blick.
Wie lange war es schon her, seit sie hier gewesen ist? Wie viel war geschehen, seit sie die Zuflucht des Cenarius verlassen hatte? Ein Schleier schob sich über ihre Augen. Sie blinzelte und sagte sich, das sei nur die ungewohnte Feuchtigkeit der Marschen. Dann stieg sie von der Anhöhe, trat zwischen den schwarzen Ranken hindurch, die die Zangarmarschen von der Höllenfeuerhalbinsel trennten.
Der Frostsäbler folgte ihr, ein silberner Fleck auf gräulich blauem Untergrund.

Sie hatte alte Bekannte in Darnassus getroffen. Vilas und dann Calyon, einen Druiden des Zirkels.
„Ich werde dir eine Aufgabe geben“, hatte er gesagt. Sie war überrascht. Doch Calyon war jemand, den sie aus früheren Zeiten kannte. Jemand, dem sie bereitwillig folgen würde, gleich, wohin er auch ging.
Doch das sollte warten.
Die Erdbeben verstärkten sich, seltsame Dinge geschahen. Elementarwesen strömten durch Risse im Weltgefüge, griffen alles auf ihrem Weg an. Als ob das nicht genug wäre, kehrte Johshua nach Sturmwind zurück.
Sie war kaum einsatzbereit gewesen, doch sie hatte die Zähne zusammengebissen, sich stärkere Kräutermischungen besorgt und sich in ihre Rüstung reingezwängt. Dann ging auch sie nach Sturmwind.
Es war seltsam, doch die Tage, die sie in der Menschenstadt verbrachte, taten ihr gut, trotz der unbekannten Gefahr, die zweifellos im Anmarsch war – sie hatte so ein Gefühl und sie hatte im Laufe der Jahrtausende gelernt, sich auf ihr Gefühl zu verlassen. Sie hatte Kampfgefährten getroffen, Veteranen aus der Eiskrone, jene, die wie sie unter dem Banner des Argentumkreuzzugs in die Schlacht gezogen waren. Mit ihnen zusammen übte sie den Waffengang vor der Kaserne in der Altstadt, spickte hölzerne Ziele mit Dutzenden von Pfeilen, wich Schlägen aus und verteilte welche, tanzte den Tanz des Krieges, als gäbe es kein Morgen.
Die Tage des Trainings zehrten all ihre Kraftreserven auf, doch sie brachten die Jägerin schnell wieder in Form. Auch die Schmerzen im linken Fuß – oder dort, wo sich einmal der Fuß befunden hatte – wurden erträglicher und sie begann, die Rationen der schmerzstillenden Tränke zu verringern.

Sie hatte ihre Kraft keinen Tag zu früh gefunden. Eine Nachricht von Calyon zwang sie zur Rückkehr nach Kalimdor.
Es stellte sich heraus, dass sie eine Gruppe des Zirkels, die eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte, durch die Wildnis von Azshara begleiten musste. Johshua folgte ihr dorthin, doch ihre Wege trennten sich schon bald – er traf in Azshara auf Bekannte und kehrte wieder nach Sturmwind, da es beunruhigende Nachrichten gegeben hatte.
Seine Abreise konnte ihre Laune jedoch nicht allzu lange trüben. Seit langer Zeit hatte Asarhia wieder den Dienst als Späherin des cenarischen Zirkels angetreten. Die Aufgabe, die Calyon an sie stellte, war mit Schmerz und Anstrengung verbunden, doch der Stolz, den sie aufgrund von seinem Lob verspürte, wog die Nachteile auf. Sie hatte das Gefühl, endlich wieder an ihrem Platz zu sein. Auch wenn sie abends nur zu gern auf ihr Lager sank und wie ein Stein schlief und auf das Aufwachen gern verzichtet hätte, genoss sie die Tage, die sie in Azshara verbrachte.
Auch Saorr freute sich darauf, endlich etwas Auslauf zu bekommen. Die Nagas, die sich der Zirkelgruppe in den Weg stellten, lebten nicht sehr lange, nachdem Saorr sie bemerkte. Seine Krallen schienen so scharf wie eh und je zu sein und seine Kraft ungebrochen.

Doch als Asarhia den Herbstwald Azsharas verließ und in Auberdine halt machte, machte sich die Anspannung der letzten Zeit bemerkbar.
„Du bist hier immer willkommen, Pfeil des Zirkels. Unsere Zuflucht soll auch die deine sein.“
Die Stimme von dem alten Aufseher Tarkwan, der nun in der Mondlichtung lebte, nachdem er schwer verletzt wurde und nicht mehr kämpfen konnte, hallte in ihrer Erinnerung.
Sie musste zurück in die Zangarmarschen.
Also bestieg sie erneut das Schiff, das nach Sturmwind fuhr und reiste von dort aus direkt in die Verwüsteten Lande, wo Saorr, vom roten Staub bedeckt, sie zum dunklen Portal brachte.

***

Tage waren seit ihrer Rückkehr in die Zuflucht vergangen.
Es war eine gute Entscheidung gewesen, auch wenn Asarhia ein wenig bereute, niemandem etwas davon gesagt zu haben. Calyon und die Anderen würden sich sicher Sorgen machen.
Doch es war nicht wichtig, hier, inmitten der riesigen Pilze, umgeben von Seen und Flüssen. Wie vor Jahren jagte sie Marschenfangreißer und Sumpfschreiter, Seite an Seite mit Saorr. Wie vor Jahren zog sie auf ihrem Hippogreif Kreise über die Sumpflandschaft, während Saorr, ein bleicher Schatten weit unter ihr, durch den Schilf pirschte.
Auch, wenn viele ihrer Kampfgefährten von früher nicht mehr in der Zuflucht weilten – entweder gefallen oder fortgegangen – war es eine Zeit der Erholung gewesen.
Sie konnte sich fast ohne Schmerzen fortbewegen und hatte ihre frühere Sicherheit und Zielgenauigkeit im Kampf erreicht. Auch schien ihre Rüstung nicht mehr wie auf einem Waffenständer an ihr zu hängen – sie war nicht mehr Haut und Knochen, wie nach ihrer Rückkehr aus Nordend. Asarhia war fast wieder sie selbst.

Asarhia ließ sich nach einer weiteren erfolgreichen Jagd auf die nun verstreuten Nagas des Sumpflichtsees auf ihr Bett fallen. Saorr versuchte, es sich neben ihr bequem zu machen, wobei er den meisten Platz beanspruchte.
Erschöpft schloß sie die Augen, ließ sich in die warme Dunkelheit des Schlafes sinken, immer tiefer hinab.

„…zurück!“
Die Jägerin sah sich um. Sie befand sich im Wyrmruhtempel in der Drachenöde – ein Ort, den sie sehr gut kannte – doch etwas war anders.
Nach einigen Augenblicken begriff sie, dass sie allein hier war. Nichts regte sich in den uralten Hallen, düstere Stille lastete schwer auf dem Gemäuer. Zerrissen von der Stimme, die nach ihr gerufen hatte. Sie hielt inne und lauschte.
„Asarhia!“
Sie wirbelte herum. Staub wallte auf, der den Boden mit einer dicken Schicht bedeckte.
Ein junger Hochelf mit feuerroten Haaren und traurigen blauen Augen stand vor ihr. „Variel“, erkannte sie ihn. „Was geschieht hier?“
„Es ist ein Traum.“ Er schien zu flüstern, seine Lippen bewegten sich kaum, und doch hallte die Stimme laut und deutlich in ihrem Verstand.
„Ein Traum?“
„Hör mir zu, Asarhia. Ich kann diese Verbindung nicht lange aufrecht erhalten. Etwas Schreckliches ist geschehen, Etwas, von dem wir dachten, es würde für immer schlafen, ist erwacht. Die Welt, die du kennst, ist nicht mehr. Sie wurde von seinem Zorn zerstört, der tiefer reicht als alles andere. Du musst zurückkehren. Kehr zurück! Dein Volk braucht dich jetzt, mehr als je zuvor.“
„Was ist mit dir?“, rief sie verstört.
„Ich werde bei dir sein in diesem aufziehenden Krieg. Ich werde dich finden. Du musst jetzt aufbrechen. Wach auf! Kehr zurück!“
Eine Vision von einem schwarzen Schatten am feuerroten Himmel flackerte vor ihren Augen auf und verdeckte die Silhouette des Rotdrachen in Elfengestalt.

„Wach auf!“
Ein Aufseher schüttelte an ihrer Schulter. Asarhia blinzelte, rieb sich die Augen. „Was ist passiert?“, murmelte sie verschlafen.
„Du hattest Alpträume…“ Er hielt inne. „Und du warst nicht die Einzige.“
Im Bruchteil einer Sekunde war sie auf den Beinen. Der Aufseher wich erschrocken zurück.
„Etwas Schreckliches ist geschehen“, wiederholte sie die Worte des Rotdrachen aus ihrem Traum. „Ich muss zurück.“