Bran; Zorn des Erdwächters

Die Erde zitterte.
Nein, sie zitterte nicht, sie wurde bis in ihre Tiefen durchgeschüttelt, sie barst, sie riss, schrie und stöhnte.
Bran lag auf flach dem Rücken, krallte sich in das Geflecht aus Gras und Wurzeln. Er fühlte sich gelähmt, außerstande, sich zu bewegen. Er hatte Angst.
Zum ersten Mal seit dem Krieg am Berg Hyjal, zum ersten Mal, seit er die sterbende Royan in seinen Armen hielt, hatte er Angst. Nacktes, lähmendes Entsetzen.
Er konnte den Erdwächter spüren. Er konnte seinen Zorn spüren.
Sein Zorn reichte tief, sein Zorn ließ die Erde beben, sein Zorn zerstörte die Grenzen zwischen den Welten.
Bran erschauderte, als ein feuriger Schatten den Himmel verdunkelte.
Sein Zorn war über ihm.
Er verlor sich im ohrenbetäubenden Lärm der berstenden Erde, wurde durch die Luft geschleudert, kam hart auf einem Felsen auf, schlitterte den Hügel hinunter, während er erfolglos versuchte, sich an der Erde festzuhalten.
Sie gehorchte ihm nicht mehr.
Irgendwann kam er zum Liegen, immer noch unfähig, sich zu rühren. Der Zorn des Erdwächters schmerzte in seiner Brust, zerriss sie ebenso wie er die Erde zerrissen hatte.
Hitze wehte zu ihm herüber, versengte seine Haut. Der Schatten zog vorbei, schlug mit den gewaltigen Schwingen. Die Welle der brennenden Luft drückte den Druiden zu Boden, presste die Luft aus seinen Lungen. Er wimmerte vor Angst und vor Schmerz, starrte in den grauen Himmel. Waren die Wolken auch zu Asche verbrannt? Ein weiterer Flügelschlag, eine weitere Welle, die ihm den Atem raubte. Dann war es vorbei. Der Erdwächter war fort.
Wieder verdunkelte etwas den Himmel. Bran blinzelte, sah einen Baum auf sich zukommen. Der Stamm krachte auf seinen Körper, dünne Äste bohrten sich in seine Haut.
Der Schmerz explodierte in seiner Brust, tauchte die Welt in ein bedrohliches, heißes Schwarz.

Atmen.
Etwas, was ihm immer selbstverständlich erschien, war plötzlich eine Qual. Bei jedem Atemzug zischte etwas und pfiff. Die Erkenntnis, dass die Quelle der Geräusche er selbst war, kam nur wenig später.
Er schlug die Augen auf.
Er war unter dem umgefallenen Baum begraben, der Stamm ruhte quer auf seiner Brust. Es war ein junger Baum gewesen, sonst wäre der Druide sicherlich nicht mehr wach geworden.
Er bewegte die Lippen, schmeckte Blut. Versuchte, tief Luft zu holen, gab den Versuch jedoch wieder auf. Der Schmerz wühlte in seinen Eingeweiden.
„Bruder Baum…“ Die Worte kamen zaghaft, ein atemloses Knurren nur. „Bruder Baum, lass mich frei.“
Der Baum antwortete nicht. Wie sollte es auch anders sein? Immerhin war er entwurzelt und tot, oder zumindest auf dem besten Weg dahin.
Bran verlor erneut das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam, wusste er nicht, wie viel Zeit vergangen war. Das Atmen war immer noch schmerzhaft, aber er gewöhnte sich dran und atmete nur, wenn es wirklich notwendig war – und zwar dann, wenn ihm wieder schwarz vor Augen wurde.
Mara. Wo war sie? Er musste sie suchen. Sie war in die Stadt gegangen. Die Stadt war sicher… nein.
Nichts war mehr sicher, wenn der Zorn des Erdwächters über das Land wütete. Nichts. Besonders nicht die Stadt.
Mit einer gewaltigen Anstrengung befreite er seine Arme, keuchte und wimmerte vor Schmerz, verschluckte sich an seinem Blut, würgte es wieder hervor. Dann machte er sich daran, den Baum wegzuschieben, indem er alle Kräfte rief, die ihm zur Verfügung standen.

Eine gefühlte Ewigkeit später fühlte er sich imstande, aufzustehen. Das Atmen fiel ihm immer noch nicht leicht, er nahm an, dass seine Rippen gebrochen waren. Er sollte versuchen, die Verletzungen zu heilen, die er davongetragen hatte, doch dafür war keine Zeit.
Er musste in die Stadt.
Nacheinander leerte er den Großteil der Phiolen und Fläschchen, die er mit sich führte. Der Schmerz verblasste und wurde in eine hintere Ecke von Brans Bewusstsein geschoben, wo er sich wachsam auf die Lauer legte. Auch hatten die Kräutermischungen neue Kräfte in dem Druiden geweckt. Mit zusammengebissenen Zähnen machte er sich auf den Weg.