Asarhia; Sturmwind

Asarhia hastete durch die Stadt, verirrte sich in engen Gassen und wurde auf breiten Straßen von allerhand Leuten, nicht minder verwirrt als sie, beiseite gestoßen. Saorr trottete hinter ihr her, das hell gestreifte Fell matt vom Staub.
Der Staub setzte sich auch in ihrer Rüstung fest, aufgewühlt von Tausenden von Füßen, von Hunderten verschiedenster Reittiere, die dieser Tage in Sturmwind unterwegs waren.
Da! Eine dunkle Gestalt in einer Seitenstraße.
Die Jägerin machte einen Satz quer über die Straße, fiel beinahe über einen Gnom, krallte sich dann in Saorrs Nackenfell und schwang sich auf seinen Rücken. Mit wenigen Sprüngen erreichte der Frostsäbler die Seitenstraße.
„Josh!“
Die Gestalt drehte sich um, die Kapuze ihres Umhangs fiel auf ihre Schultern und gab einen Blick auf einen älteren, rothaarigen Mann frei. Der zuckte mit den Schultern und verschwand hinter der nächsten Ecke.
Asarhia ließ sich nach vorn fallen, drückte die Stirn gegen Saorrs Nacken, fuhr mit den Händen durch sein Fell. Der Frostsäbler blieb ruhig, nur ein leichtes Zittern ging über seine Flanken.
Die Welt verschwamm für einen Moment vor ihren Augen, als sie sich wieder aufrichtete. Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal geschlafen hatte. Ihre letzte Mahlzeit lag auch etwas länger zurück. Alles, woran sie denken konnte, war ihr Traum, Variels Stimme in ihren Ohren und die Zerstörung, die der wahnsinnige Erdwächter mit sich brachte.
Sturmwind hatte es allerdings nicht so hart erwischt, wie sie befürchtet hatte. Ein Stadtteil – ausgerechnet der Park – wurde von einer großen Welle ins Meer befördert, ein paar andere Bauten zerstört.
Es hätte schlimmer kommen können. Sie konnte sich darüber allerdings überhaupt nicht erleichtert fühlen – sie konnte Johshua nicht finden. Seit sie den zerstörten Park gesehen hatte, wurde sie hartnäckig von dem Bild von seinem auf dem Meer treibenden Leichnam verfolgt.
Nordend und die Zeit danach hatte ihre Fähigkeiten, Dinge aufzuspüren, abstumpfen lassen. Sie hatte sie auch kaum gebraucht. Sinne, die man nicht schulte, verkümmerten. Nun verfluchte sie sich dafür.
Allein Saorr ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Er schien fest davon überzeugt zu sein, dass Johshua lebte. Jedes Mal, wenn Asarhia einem Menschen hinterherhetzte, der ihm auch nur ansatzweise ähnlich sah, schüttelte er nur müde den Kopf, als würde er ihr Verhalten zumindest überflüssig finden.
Das war es wahrscheinlich auch.
Sie wusste nicht einmal, weshalb sie nach ihm suchte. Er konnte selbst auf sich Acht geben, das hatte er mehr als einmal bewiesen. Nur, weil sein Leben gerade einmal… wie viel eigentlich?.. vielleicht drei Jahrzehnte dauerte, bedeutete es nicht, dass er unmündig war oder schutzlos.
Es war nicht ihre Art, sich derart um Dinge zu sorgen. Um Leute zu sorgen. Wäre er ein Elf, hätte sie sich an einen ihm bekannten Ort gesetzt und gewartet, bis er aufgetaucht wäre.
Saorr schüttelte sich und zwang sie, wieder abzusteigen. Sie rieb sich müde das Gesicht. Vielleicht sollte sie genau das tun. Vielleicht sollte sie sich an die Hafenmauer setzen und warten. Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse, während sie sich wieder in Bewegung setzte.
Staubige Häuser zogen an ihr vorbei, Leute verschiedener Völker, die durch die Straßen liefen, rannten und ritten. Sie fühlte sich verloren und unendlich müde. Warum konnte sie sich nicht einfach in den Krallenbau zurückziehen und schlafen, wie die Druiden von früher? Warum ließ die Welt sie nicht in Ruhe? Oder… anders. Warum konnte sie die Welt nicht in Ruhe lassen?
Asarhia stolperte über den ausgetretenen blauen Teppich, der auf den Stufen der Kathedrale ausgebreitet war. Einem unerklärlichen Drang folgend, lief sie die Stufen hinauf… und stieß fast mit Johshua zusammen.
Saorr sprang begeistert auf den Menschen zu, hockte sich auf die Hinterbeine, um die Pranken auf seine Schultern zu legen. Den Kopf schief gelegt, starrte er ihm in das Gesicht.
„Ah, geh weg, du Flohbeutel.“ – herrschte sie den Frostsäbler an, stieß ihn mit beiden Händen beiseite. Saorr rutschte auf dem nachgebenden Teppich aus, fiel mit dem Hinterteil auf die Stufen und blieb beleidigt sitzen. Sie achtete jedoch nicht mehr auf ihn, starrte den Menschen an. „Du lebst! Ich habe nach dir gesucht, ich…“
„Warum sollte ich nicht?“, unterbrach er und grinste.
„Ich hatte Angst“, sagte sie und wunderte sich über die unsichere, stockende Stimme – ihre Stimme. „Ich dachte, ich würde dich in den Trümmern finden…“ Sie zwang sich, zu schweigen.
Johshua streckte ihr die Arme entgegen und sie trat auf ihn zu, hielt jedoch inne, sah sich um. Die Stufen der Kathedrale waren denkbar ungeeignet für eine Kaldorei, die einem Menschen in die Arme fallen wollte. Auf dem Platz vor der Kathedrale standen, wie immer, Leute herum, die so taten, als wären sie wichtig. Einige schauten in ihre Richtung.
Sie ließ es dennoch zu, dass er sie umarmte, spürte einen Augenblick lang seine Wärme durch ihre Kettenrüstung, trat wieder zurück.
„Lass uns woandershin gehen“, sagt er.
Sie liefen los.
Es kam ihr so unwirklich vor, so falsch. In den letzten Stunden – waren es schon Tage? – war es das Wichtigste in ihrem Leben gewesen, ihn zu finden, und jetzt war er da, er lebte, es ging ihm gut – und er tat, als wäre alles ganz normal.
Sie saßen auf einer Friedhofsmauer an einem kleinen See hinter der Kathedrale. Asarhia konnte sich nicht erinnern, den See schon mal gesehen zu haben – aber so gut kannte sie Sturmwind nicht. Vielleicht konnte sie sich einfach nur nicht daran erinnern. Immerhin war ein See nichts, was man in wenigen Tagen in die Landschaft setzen konnte, es sei denn, man hatte dreißig Druiden und einen triftigen Grund.
Seltsam, in welche Richtungen Gedanken abschweifen konnten, wenn man an Schlafmangel litt.

Sie wechselten ein paar Sätze. Es war, als ob sie sich aus der Ferne beobachten würde. Mehrmals brach sie fast in Tränen aus, schluckte sie runter, versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie konnte sich nicht erinnern, sich seit dem Krieg am Hyjal um irgendjemanden solche Sorgen gemacht zu haben, und es war ihm völlig gleichgültig. Er merkte es nicht einmal.
Warum war sie überhaupt hier? Ihre Heimat war laut den Erzählungen von Reisenden in der Stadt ebenfalls nicht der Zerstörung entgangen – im Gegenteil, hatten die gewaltigen Schwingen und der feurige Atem des Erdwächters weitaus größeren Schaden angerichtet, als hier. Sie hätte dort sein müssen… Sie hätte bei ihrem Volk sein müssen, anstatt hier nach einem Menschen zu suchen, der ihre Hingabe nicht einmal schätzte.
So wunderte es sie, als er plötzlich sagte, dass sie nach Kalimdor gehen sollten. Es wunderte sie, dass er sie begleiten wollte.
Vielleicht war alles doch nicht so schlecht, wie es schien.