Asarhia; Lager im Hain

Etwas war zerbrochen.
Nicht nur in der Welt um sie herum, sondern irgendwo in ihrem Inneren. Etwas, was sich nicht wieder zusammenfügen ließ.
Asarhia ließ sich kraftlos auf das hastig vorbereitete Lager sinken. Das gegerbte Hirschfell schützte sie vor Feuchtigkeit, die von der Erde hinaufkroch, doch nicht davor, jede Unebenheit auf dem Boden zu spüren.
Es dauerte eine Weile, bis sie eine halbwegs erträgliche Position fand. Saorr legte sich, wie immer, neben sie, doch auch er kam nicht zur Ruhe. Immer wieder hob er den Kopf, lauschte in den Wald hinein.
Johshua unterhielt sich nicht weit von ihrem Lager mit einem Flüchtling aus Gilneas. Der Mann machte einen nicht minder müden und abgekämpften Eindruck als die Jägerin und ihr menschlicher Gefährte und sie befand ihn für harmlos.
Auf der anderen Seite des Hains hockte eine Gruppe von Druiden beeinander. Sie unterhielten sich aufgeregt und gestikulierten wild. Ein paar Satzfetzen erreichten Asarhias Ohren. Es ging um Hyjal und die Gefahr, die dem Berg durch den Wahnsinn des Erdwächters drohte, und darum, dass der Zirkel trotz der verheerenden Zerstörung, die der Erdwächter hinter sich her zog, in weiten Teilen des Landes gute Fortschritte erzielt hatte, was die Heilung der verderbten Gebiete und die Wiederaufforstung anging.
Als die Druiden von den Angriffen der Horde auf Astranaar begannen, drehte sie sich um, legte einen Arm auf den Kopf, um das Gespräch nicht mehr zu hören. Es war schlimm genug, dass Dunkelküste komplett zerstört war. Sie wollte nichts von der Horde oder dem Schattenhammer oder von wem auch immer hören.
Immer wieder rief sie die Bilder ihrer Wanderung durch die Küste der Nebel und den anliegenden Wald in Erinnerung. Auberdine – nur noch eine Ruine, von wilden Elementarwesen überrannt. Flüsse zogen sich durch das Land, wo früher Wälder waren, Berge hatten sich aus Tälern erhoben.
Selbst die Tatsache, dass das Volk der Kaldorei aus seiner Lethargie erwacht war und mit Taten begonnen hatte, anstatt immer nur von welchen zu reden, konnte die Finsternis, die Asarhia an diesem Tag umhüllt hatte, nicht erhellen.
Das Land war zerbrochen und mit ihm auch das, was sie stets vorangetrieben hatte, was ihre Hand in der Schlacht geführt und ihre Pfeile ins Ziel gebracht hatte – ihre Hoffnung auf eine Zukunft im Frieden.
Es konnte keinen Frieden geben, nicht jetzt und nicht in Tausenden von Jahren. Der Frieden war für immer verloren.
Wofür sollte sie nun kämpfen? Für ihr Volk, das ihre Taten nicht würdigte und ihre Ansichten seltsam fand? Für den Zirkel? Ihre Hand stahl sich an ihre Brust, berührte das gestickte Geweihmuster im dunkelgrünen Wappenrock. Für Shan’do Malfurion, wie Nizaran es getan hatte?
Doch Nizaran war tot, und nichts konnte die Leere füllen, die er hinterlassen hatte. Nichts konnte das zusammenfügen, was sein Tod zerrissen hatte, auch Johshua nicht, auch wenn er ihr nach Kalimdor folgte und so tat, als würde ihm etwas an ihr liegen. Tief in ihrem Inneren konnte sie ihm kein Vertrauen schenken. Sie konnte niemandem mehr vertrauen.
Mit zusammengebissenen Zähnen tastete sie nach Saorr – dem einzigen Gefährten, der ihr noch geblieben war, der sie nie verraten hatte, vergrub ihre Finger in seinem Fell. Der Frostsäbler murrte, lehnte sich ihrer Hand entgegen.
Auch er würde sie bald verlassen.
Sie wusste es – und Saorr wusste es auch.
Er hatte lange an ihrer Seite gekämpft und ihre Leben waren so eng miteinander verflochten, wie es einer Kaldorei und einem Frostsäbler nur möglich war. Doch die Zeit nagte mehr an ihm als sie es jemals an ihr würde.
Und nun trieb ihn die Sorge um seine Artgenossen, um sein Rudel. Er wollte zu seiner Heimat zurückkehren, er wollte nach Winterquell – sie spürte genau so deutlich wie er ihre Absichten und Empfindungen wahrnehmen konnte.
Und sie wusste, dass er diesmal dort bleiben würde – nicht für immer vielleicht, doch für einige Zeit – Zeit, die sie nicht hatte. Der Zirkel würde früher oder später – eher früher als später – an sie herantreten und sie an die Pflichten erinnern, die sie hatte. Ihr Aufgaben, Befehle erteilen.
Und sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie es nur begrüßen würde. Sich über das Gefühl freute, gebraucht zu werden. Über das Gefühl, wieder einen Platz in der Welt zu haben – an der Front.
Wenn es denn überhaupt einen offenen Krieg und somit eine Front gab. Doch selbst wenn nicht – zu tun gab es allerhand. Wie sie allerdings ohne Saorr in den Kampf ziehen würde, daran wollte sie nicht denken.
Mit einem Seufzen vergrub sie ihr Gesicht in dem Fell des Frostsäblers. „Ich weiß, Rudelführer“, flüsterte sie ihm zu. „Ich weiß, du willst nach Hause.“ Saorr stellte nur die Ohren auf, schaute sie aus müden Augen an und schwieg.
Schließlich siegte die Müdigkeit über ihre aufgewühlten Gedanken und sie sank in einen unruhigen Schlaf.

***

Eine Hand griff nach Asarhias Schulter und rüttelte daran. Die Jägerin schlug die Augen auf, blinzelte. Ein Druide des Hains hatte sich über sie gebeugt und sah sie ernst an.
„Späherin Dämmerzorn. Es gibt jemanden… der Euch sehen will.“
Dem Ton seiner Stimme nach zu beurteilen, war er nicht sehr begeistert darüber. Asarhia brummte Zustimmung und machte sich an die undankbare Aufgabe, aufzustehen und wieder ihre Rüstung anzulegen, ohne darüber nachzudenken, was sie da eigentlich tat. Ihre Hände würden die richtigen Schnallen und Riemen schon finden.
Sie hatte viel zu wenig Schlaf gehabt, stellte sie fest, als sich aufrichtete und beinahe das Gleichgewicht verlor. Auch Saorr blickte recht verdattert drein. Sie sah hoch. Es war beinahe Morgen.
Normalerweise würde sie um diese Zeit erst zur Ruhe gehen, doch sie passte sich Johshuas Gewohnheiten an, und er zog es vor, Nachts zu schlafen und tagsüber wach zu sein.
Jemand trat an sie heran, mit Sicherheit der Druide. Sie strich sich die wirren Haare aus dem Gesicht, drehte sich um. „Wer will mich sehen, Bruder? Ich bin nun…“
Sie brach den Satz ab, schwieg verwundert.
Vor ihr stand Variel. Er hatte sein übliches, verschmitztes Grinsen aufgesetzt. Mit seiner tadellosen Erscheinung wirkte er im Lager des Hains fehl am Platz. Das feurig rote Haar, säuberlich zusammengebunden, die mit Goldfäden bestickte Robe – all das passte nicht in die von Wurzeln und Ranken überwucherte Ruine.
„Variel.“ Die Erleichterung, die sie über sein Kommen verspürte, ließ sich nicht in Worte fassen. Sie hatten so viele Schlachten in Nordend gemeinsam überstanden. Mit ihm an ihrer Seite hatte sie keine Angst – weder vor Todesschwinge noch vor dem Schattenhammerkult.
„Ich hatte gesagt, ich werde dich finden.“ – erklärte der Drache. „Nun bin ich hier. Bist du bereit?“
Sie runzelte die Stirn.
„Bereit wofür?“
„Um in den Krieg zu ziehen, natürlich. Der grüne Schwarm versammelt sich am Hyjal, und der cenarische Zirkel unterstützt sie dabei mit aller Kraft. Wir beide werden an der Front gebraucht.“
Sie schaute sich um, blickte hilfesuchend zu Saorr. Der Frostsäbler stellte die Ohren auf, lauschte.
„Aber ich… ich bin nicht allein hier.“
Variel runzelte die Stirn. „Was soll mir das sagen?“
„Johshua ist hier. Ich hatte dir von ihm erzählt. Und… wir wollten nach Winterquell.“
„Warum?“
Sie deutete auf den Frostsäbler. „Er sorgt sich um sein Rudel.“
„Uns läuft die Zeit davon…“ Der Hochelf rieb sich das Gesicht. „Also gut. Ich kann Saorr nach Winterquell bringen und dann zurückkehren, um dich abzuholen. Bist du sicher, dass du auf ihn verzichten kannst?“
„Ich muss. Es wird nicht einfach sein, doch ich kann ihn nicht zwingen, gegen seinen Willen bei mir zu bleiben.“
Variel sah den Frostsäbler an. „Ich verstehe. Nun, dann soll es so sein. Ich werde ein paar Schritte in den Wald gehen. Wir wollen doch nicht diese Menschen dort erschrecken.“ Er deutete auf das Lager der Flüchtlinge aus Gilneas, drehte sich herum und lief schnellen Schrittes davon.
Asarhia starrte seinen Rücken an, bis er hinter den Bäumen verschwand.
„Wir alle müssen unsere Pflicht tun, Saorr. Du genau wie ich. Komm. Es wird dir gut tun, eine Zeit lang den Kämpfen fernzubleiben. Ich bin mir sicher, Tamra wird sich über deine Rückkehr sehr freuen.“
Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie an die alte Frostsäblermatriarchin dachte, die ihre Kinder grimmig und unnachgiebig bewachte.
Der Frostsäbler stand auf und streckte sich. Gelassen trottete er neben ihr her, als sie dem Drachen in den Wald folgte.
Die ruhige Entschlossenheit, die Asarhia seit Variels Ankunft ergriffen hatte, erstaunte sie selbst. Die Zeit nach ihrer Rückkehr aus Nordend hatte sie weich gemacht, dachte sie grimmig. Nun war die Kriegerin, die untote Horde mit einem Regen von brennenden Pfeilen überschüttete und jeder noch so gewaltigen Monstrosität ohne mit der Wimper zu zucken in die verunstaltete Fratze sehen konnte, wieder da. Und sie würde nicht länger um das zerrissene Land weinen. Sie würde dafür sorgen, dass es wieder heilte.
Ihr Leben war Krieg, und der Krieg kehrte zurück.