Aberash; eine neue Hoffnung

Aberash fand sich in einer elfischen Siedlung wieder.
Unordnung herrschte, Elfen liefen hin und her. Einige schleppten Kisten, andere kümmerten sich um Verletzte. Von denen schien es hier mehr als genug zu geben.
Ohne zu wissen, was sie hier tat und wie sie hierhergekommen war, stolperte sie durch das Hauptgebäude der Siedlung, wurde von einer Elfe freundlich begrüßt. Die Gastwirtin, vielleicht? Es interessierte sie nicht.
Sie verließ das Haus und blieb auf dem Vorplatz stehen, beobachtete das Treiben um sich herum, ohne es zu verstehen.
„Ein Dämon, huh?“
Eine gebeugte, behaarte Gestalt baute sich vor ihr auf, starrte sie grimmig an. Eine andere, groß und hager, stellte sich dazu.
Ein Elf und einer dieser… Wolfsleute, die seit einiger Zeit überall herumliefen. Stanken nach Hund, besonders, wenn sie nass waren. Einige von ihnen, in Sturmwind, hatten sogar Flöhe.
Sie ließ sich in einen Wortwechsel verwickeln. Achtete nicht sonderlich darauf, was sie sagte, auch dann nicht, als der Wolfsmensch seine Schwerter zog. Sie benutzte eine simple, gebrochene Form der Gemeinsprache. Zwar beherrschte sie die Sprache in Perfektion, aber es bedeutete, nachzudenken. Sich anzustrengen. Und nachzudenken bereitete ihr noch mehr Kopfschmerzen.
Zwischen ihr und der Außenwelt hatte sich vor einiger Zeit ein Nebel gelegt, der sich nur selten lichtete. Nur wenig drang durch diesen Nebel durch – und vermutlich war es besser so. Sie hatte genug mit sich selbst zu tun, mit sich und den Elementargeistern, die einen großen Teil ihrer Wahrnehmung für sich beanspruchten.
Nach einer Weile stellte sie fest, dass der Wolfsmensch davongezogen war. Der Elf war noch in der Nähe, aber der interessierte sie noch weniger. Sie wollte bereits selbst weitergehen – irgendwohin, wohin ihre Beine sie trugen – als eine bekannte Stimme sie davon abhielt. Wie eine Klinge schnitt sie durch den Nebel und verjagte ihn.
Aberash drehte sich um.
Ein Draenei, großgewachsen und breitschultrig, wie die Meisten, stand ein paar Schritte entfernt. Zuerst hielt sie ihn für einen Geist von Yuval, dann wurde ihr klar, dass weder Yuval noch ein Geist war, sondern nur jemand, den sie vor einer Zeit in Sturmwind kennengelernt hatte. Haandur war sein Name. Wer war er nochmal? Ein Verteidiger? Sie war sich nicht sicher.
Der Nebel sank wieder hinab, umhüllte ihren Körper, trübte ihre Sinne. Das Klagelied der Wassergeister wurde lauter, eindringlicher. Sie hatte gesehen, wie das Wasser durch die zahlreichen Schluchten, die sich durch das Ufer zogen, landeinwärts floß. Es war falsch und brachte die Geister aus dem Gleichgewicht – das und noch irgendetwas ,was die Elementare zu Dingen zwang, die nicht natürlich für sie waren. Sie versuchte, sich gegen das Kreischen der Elementare abzuschirmen, versuchte, sie davonzutreiben, klammerte sich an die Stimme von Haandur, der immer noch vor ihr stand und mit ihr zu sprechen versuchte.
Nach einer Weile gelang es ihr halbwegs.
Sie sprachen über das Erwachen des Schwarzdrachen, der viele Landstriche in seinem Zorn zerstört hatte. Über die vielen Toten, die das Wüten des Drachen gefordert hatte. Und über die Geister, die Aberash nicht mehr gehorchten, nicht mehr mit ihr sprachen, nur noch in ihrem eigenen Leid und Zorn gefangen waren.
Auch, wenn ihr die Themenwahl nicht unbedingt behagte, war es dennoch gut, wieder mit einem Draenei zu sprechen. Die eigene Stimme zu hören, die vertraute Worte formte.
Und es war gut, dass jemand sich an sie erinnerte, sie erkannte, denn sie erkannte sich bisweilen selbst nicht mehr.
Jetzt jedoch, als sie an den Rand der Brücke über eine große Schlucht gelehnt stand und mit Haandur sprach, hatte sie das Gefühl, dass sie den Nebel, der sie umgab, zumindest für eine Weile fortjagen konnte.
Eine Erinnerung flackerte vor ihren Augen auf, die sie für lange Zeit begraben hatte – ihr Vater in seinen letzten Minuten. „Kämpfe für das Licht, meine Tochter“, hatte er gesagt. „Kämpfe für die Einheit unseres Volkes.“
Und sie sprach zu Haandur, dass das Volk der Draenei zerstreut und verloren war, besonders in diesen Zeiten, als die Welt, die sie als neue Zuflucht auserkoren hatten, vor ihren Augen zerbrach. Dass man etwas tun müsste.
Sie war nicht darauf vorbereitet, dass er einwilligte. Und auch nicht darauf, dass sie ihm erklärte, dass man andere suchen müsste, die dachten wie sie, die bereit waren, für das Licht und die Einheit des Volkes zu kämpfen. Und am Wenigsten, dass er dafür bereit war.
War sie es? Wohl kaum. Doch das sagte sie ihm nicht, zu sehr hatte sie diese neue Hoffnung auf einen Weg, der sie aus dem Nebel und dem Klagegeschrei der Geister führte, vereinnahmt.
Der Verteidiger ging – er wäre müde. Sie blieb zurück, stolperte dann auf die Brücke, überquerte sie. Saß auf der Klippe, starrte das Wasser an, das wider seiner Natur landeinwärts floß.
Dann ging sie weiter, suchte nach einer flachen Stelle, hob den schweren Kilt aus Leder, Kette und Knochen und watete hinein. Sie musste nach einem Ursprung für diese Anomalie suchen. Musste etwas tun – denn vor wenigen Augenblicken hatte sie zu Haandur gesagt, dass es falsch war, nichts zu tun.
Wenn man nicht auf seine eigene Worte hören konnte, auf wessen dann?..