Aberash; Vashj’ir

Die kalte, wabernde Dunkelheit spie einen weiteren Naga aus. Aberash verzog das Gesicht. Gingen ihnen denn nie die Leute aus?
Der schuppige Krieger holte mit seinem Speer aus, blubbernde Laute verließen seinen Mund. Seltsam ruhig verfolgte Aberash die Luftblasen, die von seinem Gesicht aufstiegen. Dann machte sie einen verzweifelten Satz zur Seite, gerade als der Naga den Speer warf.
Nicht weit genug, nicht schnell genug – die gezackte Klinge grub sich in ihre linke Schulter, fraß sich durch die Kettenrüstung und riss die Haut auf. Aberash fühlte, wie etwas Warmes unter ihrem Brustharnisch zerfloss. Für einen winzigen Moment genoss sie die Wärme, bevor ihr derer Bedeutung klar wurde.
Sie wollte um Hilfe schreien, aber das Wasser schluckte jedes Geräusch bis auf ein undeutliches Blubbern. Der Naga entblößte schlangenähnliche Fänge, grinste sie an, bevor er seine Klinge aus der Scheide zog und sie abermals bedrängte.
Sie hatte keine Kraft mehr, um gegen ihn zu kämpfen, konnte nur ausweichen, was in der blutbesudelten Schwärze des Ozeans keine einfache Sache war, aber sie wusste – würde sie auch nur einen Schlag gegen ihn führen, würde ihre verletzte Schulter versagen, und der ganze Rest dazu.
Der Naga ließ sich Zeit, spielte mit ihr, während jede Bewegung die Kälte, die sich in ihrem Körper ausbreitete, nur noch beschleunigte und ihr die letzte Kraft raubte. Das Schicksal hatte einen guten Sinn für Humor. Sie hatte die Zerstörung ihrer Heimatwelt überlebt, hatte die Verfolgung durch die verderbten Orcs überdauert, hatte den Tod aller, die sie liebten, überstanden. Hatte die eisigen Weiten Nordends hinter sich gelassen, und die brennenden Hänge von Hyjal. Und jetzt sollte sie in den Klauen eines Nagas sterben, gefangen in einem nassen Grab viele Meilen unter der Oberfläche des Ozeans. Was für ein sinnloser Tod.
Seltsamerweise machte es ihr nichts mehr aus.
Die breite Klinge des Schuppenwesens streifte ihre Hüfte, spaltete die aufgeweichten Lederriemen ihrer Beinkleider. Wieder waberte eine dunkle Wolke im aufgewühlten Wasser auf.
Plötzlich sah sie aus dem Augenwinkel, wie ein großer, gehörnter Schatten sich hinter dem Naga aufbaute und eine Waffe hob.
Sie spürte eher, wie der Schädel ihres Feindes zersplitterte, als sie es sah oder hörte. Die Klauen des Naga zuckten, dann entschwand ihnen jegliches Leben. Langsam stieg die geschuppte Leiche nach oben, zur Wasseroberfläche.
Der Schatten entpuppte sich als ein Tauren, der sich zu ihr beugte und nach ihr griff, um sie mit sich zu ziehen.
„Schnell. Andere Naga nicht weit.“
Die Stimme hatte sich in ihrem Kopf materialisiert, ohne den Weg über die Ohren zu gehen. Der Tauren war ein Schamane des irdenen Rings, genau wie sie! Vielleicht würde sie doch nicht hier unten sterben.
Mit kraftvollen Bewegungen schwamm er zu einem Felsmassiv, der dunkel und bedrohlich vor ihnen aufragte, weiter hinab in die Tiefen, in ein schwarzes Maul mit steinernen Zähnen, weiter hinab…
Und dann durchbrachen sie die Wasseroberfläche und sie atmete Luft statt kaltem Wasser, Luft!
Ihre Hände tasteten nach feuchtem Sand, gruben sich hinein. Der Tauren packte sie und zog sie aus dem Wasser, und kraftlos blieb sie dort liegen, wo er sie wieder losließ, nur ihre Augen versuchten, ihm zu folgen.
Die Höhle, die mit einem diffusen Licht von Tiefseealgen, die den Fels überzogen, erfüllt war, schien zumindest nagafrei zu sein – mehr konnte sie in ihrer Position nicht erkennen.
Der Tauren begann, an ihrer Rüstung zu zerren, und in dem vom Blutverlust und grenzenloser Erschöpfung verursachten Nebel begriff sie nicht sofort, dass er ihre Wunden versorgen wollte.
Sie versuchte, die rechte Hand zu heben, um ihm zu helfen, aber eine bleierne Schwere hatte sich ihrer Glieder bemächtigt. Sie konnte sich nicht bewegen, nicht einmal den Finger rühren. Eisige Dunkelheit legte sich wie eine Decke über sie, und das Letzte, was sie hörte, war die raue Stimme des Tauren.
„Hokota machen Feuer. Dann besser.“

Als sie erwachte, war die Kälte einer angenehmen Wärme gewichen und die Dunkelheit wurde von tanzenden Flammenzungen erhellt. Beißender Gestank von verbrannten Algen und nassem Treibholz erfüllte ihre Nase, als sie einen tiefen Atemzug machte. Der Gestank war jedoch besser, als salziges Wasser zu atmen, das ihr trotz ihrer zahlreichen Totems und Erunaks Zauber in den Lungen brannte.
Langsam hob sie den Kopf und versuchte, einen Blick auf ihre Schulterwunde zu werfen. Graues Fell bedeckte ihre Brust.
Fell?
Von einem Atemzug auf den anderen spannte sie ihren Körper an, ließ ihn ruckartig nach vorn schnellen. Schmerz zerriss ihre Muskeln und schickte eine weitere Welle von Schwärze über ihre Augen, aber sie hatte eine aufrechte Haltung angenommen – und das Fell stellte sich als ein stark behaarter Arm heraus, der nun überrascht weggezogen wurde.
„Hokota Feuer machen“, hörte sie eine raue Stimme hinter ihrem Rücken. „Hokota Wunde machen sauber. Dann trocknen Umhang und verbinden Wunde. Dann warten. Geben Wärme.“
Mit zusammengebissenen Zähnen drehte sie den Kopf, um nach dem Sprecher zu sehen.
Der Tauren saß direkt hinter ihr, an die Höhlenwand gelehnt, starrte sie besorgt an. Das dichte, graue Fell, das seinen Körper überzog, war stellenweise verklebt, die Mähne hing in wirren, zottigen Strähnen hinab. Seinem linken Horn fehlte ein ganzes Stück.
Eine Zeit lang starrte sie seine Brust an, dann sah sie seine Rüstung um das Feuer herum verteilt – genau wie ihre. Einige Kleidungsstücke dampften – sie musste noch nicht lange bewusstlos gewesen sein, sonst wären sie wohl trocken gewesen.
„Danke, Hokota“, sagte sie zögernd und betastete ihre linke Schulter. Sie war mit rauen Stoffstreifen verbunden, die sie nach einer Weile als Teile von ihrem Umhang identifizierte. Die Wunde schmerzte, schien sich aber noch nicht entzündet zu haben. Ihre Hand wanderte unter die schwere Lederdecke, in die der Tauren sie eingewickelt haben musste, stolperte über die Nacktheit ihrer Brüste, fand einen weiteren Verband an der Hüfte. Er hatte ganze Arbeit geleistet. Heute würde sie nicht sterben – vielleicht.
„Wie Name?“
Sie blinzelte, dachte angestrengt über die Worte nach, bevor sie ihren Sinn erkannte.
„Aberash.“
„Gut. Hokota gemacht Trank. Jetzt geben Trank. Vorsicht.“
Die Wärme, die sie umfangen hatte, wich, als der Tauren sich entzog und auf die Beine kam. Bis auf eine zerissene Stoffhose und ein paar Lederbändern in seiner Mähne hatte er nichts an.
Es fiel ihr schwer, aufrecht zu sitzen, jetzt, wo sie nicht mehr gestützt wurde. Ihre Sicht trübte sich, Schwindel erfasste sie.
Sie musste eine ganze Menge Blut verloren haben.
Bereitwillig griff sie zu, als der Tauren ihr einen Metallbecher mit einer dampfenden, stinkenden Flüssigkeit in die Hände drückte. Die Hitze brannte auf ihren Fingern, als sie den Becher ohne Fragen nach dem Inhalt zum Mund führte und trank.
Aberash schmeckte Meerwasser und Algen, herbe, bittere Kräuter und – Blut? Dennoch setzte sie nicht ab, bis das Gefäß zur Hälfte leer war.
„Hokota auch trinken“, sagte sie. Ihre Stimme wehrte sich gegen den Einsatz, war rau und schwach.
Der Tauren nahm ihr den Becher ab, kippte die zähflüssige Brühe in seinen Rachen, schluckte hörbar. „Hokota Heiler“, versicherte er ihr. „Wenn zurück, sein Heiler im Stamm.“
Die Gemeinsprache fiel ihm schwer, die Worte kamen stoßweise und falsch betont. Sie musste ihre ganze Aufmerksamkeit aufbringen, um die Satzfetzen zu verstehen. „Danke“, brachte sie schließlich hervor.
„Gut. Feuer gut. Höhle gut. Naga tot. Tot Naga gut. Ausruhen“, erklärte Hokota, schob ein paar Treibholzstücke ins Feuer. Sie zischten und dampften. Aberash gewöhnte sich zusehends an ihren Gestank. Die salzig bittere Brühe, die der Tauren ihr gegeben hatte, breitete sich heiß in ihrem Eingeweiden aus. Sie fühlte sich immer noch schwach, so entsetzlich schwach. Wenn die Nagas jetzt kamen, würde sie doch sterben.
„Naga nicht kommen“, sagte Hokota. Sie ertappte sich dabei, wie sie ängstlich zum dunklen Wasserloch sah, der offensichtlich den einzigen Eingang zu der Höhle darstellte. Er musste ihrem Blick gefolgt haben. „Naga tot. Bevor tot, Pfeil werfen. Pfeil kaputt. Jetzt in Hokotas Rücken.“
Langsam drehte der Tauren ihr den Rücken zu. Eine abgebrochene Pfeilspitze ragte zwischen seinen Schulterblättern gefährlich nahe der Wirbelsäule aus dem verklebten Fell.
„Wo ist mein Messer?“
Der Tauren grunzte fragend. Er schien sie nicht zu verstehen. „Hokota Messer haben?“, wiederholte sie langsam. „Messer von Aberash.“
„Messer. Ah.“
Er langte zu dem Rüstungshaufen am Feuer, zog einen schmalen Dolch hervor, drückte ihn ihr in die Hand, dann hockte er sich wieder mit dem Rücken zu ihr hin.
Aberash hielt die Klinge ins Feuer, und als sie zu glühen anfing, schnitt sie damit die Pfeilspitze heraus. Das heiße Metall versiegelte die Wunde gleichzeitig. Es stank nach verbranntem Fleisch, aber der Tauren zuckte nicht einmal zusammen. Er schrie nicht vor Schmerz und versuchte nicht, sich dem heißen Messer zu entziehen. Erst, als sie die Waffe in den Sand warf, lief ein Zittern über seinen Körper und er neigte sich für einen Moment nach vorn. Sie hörte seine Zähne knirschen.
Ihre Hände bebten vor Erschöpfung und Übelkeit, die sich nun durch ihren Magen wühlte, als sie die Lederdecke wieder hochzuziehen versuchte. Hokota rutschte hinter sie, lehnte sich wieder an die Felswand. Sie verzog das Gesicht, als sie sah, wie er erneut erzitterte, als sein Rücken den Stein berührte.
„Nicht. Schmerz gut. Hokota nicht sterben an Pfeil“, meinte er mit einem schiefen Grinsen – zumindest musste es eines sein, auch wenn ihr schwer viel, die Ausdrücke der breiten, haarigen Schnauze des Tauren zu deuten.
Sie sah weg, starrte ins Feuer. Grenzenlose Verzweiflung wallte plötzlich in ihrem Verstand auf, verdunkelte ihre Sicht.
„Vielleicht stirbst du nicht an dem Pfeil, aber was soll jetzt werden, Hokota? Wo sind die Anderen? Sind sie auch tot, wie die Naga? Wir können hier nicht bleiben, wir brauchen sauberes Wasser und Nahrung. Wir sind beide verwundet, wir können nicht schwimmen. Sind wir nur den Naga entkommen, um in dieser Höhle zu verenden? Du hättest mich nicht retten sollen, der Naga hätte es immerhin schneller erledigt, dann wäre das Sterben jetzt vorbei, anstatt gerade erst anzufangen…“
Ihr Wortschwall versiegte wieder, kraftlos sank sie nach hinten, und er fing sie auf. Ihr Blick traf seine braunen Augen, und er schüttelte sacht den Kopf.
„Hokota viel Worte nicht verstehen.“ Sein Atem roch nach der Kräuterbrühe, die sie geteilt hatten. „Aber Hokota denken, Worte schlecht. Wozu sterben? Haben viele Naga getötet. Haben ein Versteck. Jetzt warten. Andere werden kommen. Andere helfen.“
Er sprach so sicher, so zuversichtlich, so hoffnungsvoll. Hoffnung war lächerlich an diesem Ort, so sinnlos. Aberash fing an zu lachen. Sie lachte ohne Unterlass, ohne selbst den Grund davon zu kennen, schnappte nach Luft, während die Felsen ihr Gelächter verzerrt zurückwarfen, und irgendwann stimmte auch der Tauren in ihr Lachen ein, während er sie in seinen Armen hielt.
Dann hatte sie auch für dieses hysterische Lachen keine Kraft mehr, blieb still liegen, während Tränen ihre Wangen hinabliefen, dumme, sinnlose Tränen, die wertvolle Flüssigkeit vergeudeten, und vielleicht sah Hokota es genau so, denn seine Zunge leckte plötzlich über ihr Gesicht, fing die Tränen auf, bevor sie in den Sand fielen, und seine rauen Hände griffen nach ihr, drehten sie herum, zogen sie hoch, während sie zu erschöpft war, um sich zu wehren, um auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Sie konnte sich nur verzweifelt an ihn klammern, an seine lebendige Wärme, an seine Präsenz, und immerhin würde sie nicht allein sterben in diesem kalten, nassen Felsengrab, immerhin war sie nicht allein. Ihre Finger krallten sich in sein Brustfell, rutschten ab, sie fühlte sich so schwach, so leer, aber immerhin war sie nicht allein, auch wenn es nichts wirklich besser machte.
Der Tauren bewegte sich unter ihr, sein Bein schob sich zwischen ihre Schenkel, und sie fühlte seine Pranke an ihren Brüsten. Sie wusste nicht, ob Wundfieber oder die Nähe des Feuers der Grund für die Hitze, die plötzlich über sie brandete, war, oder vielleicht doch Hokotas Atem, der gegen ihr Gesicht stieß, als ein dumpfes, unterdrücktes Knurren aus seiner Kehle emporstieg, aber es war auch nicht wichtig, denn es würde den Tod nicht aufhalten, der vielleicht nur Stunden entfernt war. Sie stützte sich an seiner Brust auf, als er sich der zerfetzten Hose entledigte, presste sich dann wieder gegen seinen Körper. Irgendwo in einer Ecke ihres Bewusstseins, die von der Erschöpfung und dem Wahnsinn, der sie ergriffen hatte, noch verschont war, dachte sie, dass er sich im Grunde nicht sehr von einem Draenei unterschied, wenn man von dem Kopf einmal absah, und von dem Fell natürlich.
Seine Hufe scharrten über den Sand, als er von der Felswand wegrutschte. Aberash glitt von seiner Brust, spürte den kalten, nassen Sand unter ihrer Haut, schrie erschrocken auf, er wollte doch nicht etwa fort, aber wohin auch, es gab keinen anderen Ort mehr, die Welt hatte vielleicht schon aufgehört, zu existieren, von Nagas und Zwielichtdrachen überrannt und vernichtet. Aber er war da, raubte ihr mit seiner Masse den Atem, verbrannte sie mit seiner Hitze, und sie bäumte sich auf, ihre Finger rutschten an seinem klebrigen Fell ab, gruben sich in den Sand, als er ihre Beine abermals auseinander zwang und sich in sie senkte. Sie bewegten sich in der dunklen Stille der Höhle, die nur von dem von den nassen Felsen tropfenden Wasser und ihren atemlosen Stöhnen und seinem dumpfen Knurren durchbrochen wurde. Ihr Rücken klatschte gegen den nassen Sand, als er sie herumwarf, ihre Anspannung wurde unerträglich, sie glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, suchte mit ihren Augen nach seinem Blick, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr, er gehorchte nur Hokotas Pranken, die ihn hielten, und dann explodierte die Hitze in ihrem Inneren und löschte ihren Verstand aus.

Ein schwarzer Schatten baute sich über ihr auf. Sie keuchte rau, zu mehr war sie nicht imstande.
Die Lederdecke senkte sich schwer auf ihren Körper, sie erzitterte unter ihrem Gewicht.
„Still liegen. Hokota holen Andere. Sein nahe. Hokota sie spüren.“
Aberash wollte ihm widersprechen, aber sie konnte nicht. Wieder sank sie in einen tiefen Schlaf.
Als sie wieder zu sich kam, war die Höhle voller Leben, Licht und Lärm. Der Irdene Ring war gekommen. Sie wollte sich aufsetzen, doch eine Hand legte sich auf ihre Schulter und senkte sie sanft, doch nachdrücklich auf den Sand zurück. Erunaks Gesicht neigte sich über sie und starrte sie besorgt an.
„Wo ist er?“ Ihre Stimme war nur noch ein Röcheln.
„Wer, Tochter?“, fragte Erunak.
„Hokota… Der Tauren… der Euch geholt hat.“
Der Schamane zog die Augenbrauen zusammen. „Niemand hat uns geholt, wir…“ Er verstummte.
Die Naga mussten ihn erwischt haben, doch niemand sprach es aus. Wieder ergab sie sich dem Schlaf.