Asarhia; Saorr – Intermezzo

„Saorr, geh zurück! Versteck‘ dich. Weg mit dir!“
Ihre Worte waren längst verklungen, aber sie hallten ihm immer noch in den Ohren. Pfeil hatte ihn weggeschickt.
Der Frostsäbler duckte sich in einen engen Felsspalt, drückte die Brust gegen den Stein und ließ die Schnauze auf die Pranken sinken.
Er war müde, müde vom Staub und von der Hitze, müde vom Ruß in der Luft. Müde von diesem ganzen Ort. Von dem Krieg, vielleicht, auch. Er schloss die Augen.
Eine warme Schwere kroch seinen Rückgrat hinauf, machte seine Pranken schwach und zog einen Schleier der Reglosigkeit über seinen massiven Körper. Vielleicht würde er sich ausruhen können, nur ein wenig… Er legte die Ohren an, zog die Lefzen hoch. Nein. Das durfte er nicht zulassen. Es war kein guter Ort, um zu schlafen – und vor allem keine gute Zeit.
Er zwang sich dazu, die Augen zu öffnen, den Kopf zu heben. Dann kroch er aus dem Spalt, senkte die Schnauze zum Boden und roch an den Spuren um Staub. Er musste es nicht tun, er würde den Weg auch so finden – aber an einem solchen Ort war es immer gut, an seinen Gewohnheiten festzuhalten.
Gereizt stieß er die Atemluft aus, seine Tasthaare wirbelten die dünne Rußschicht auf der Erde auf.
Dann ließ er sich auf diesen Ruß fallen, wälzte sich ausgiebig darin. Der Staub fraß sich in sein Fell, machte es grau und unauffällig. Geduckt folgte er der Spur, sah sich immer wieder gehetzt um. Er roch das Schimärenleder ihrer Stiefel. Erinnerte sich an die Schimäre, die sie in den Steinkrallenbergen erlegt hatten. Aber er roch auch die metallbeschlagenen Sohlen des Mannes.
Seit sie mit diesem Elf hier draußen war, schickte sie ihn oft weg. Er hatte lange darüber nachgedacht, aber er verstand es nicht. Sie hatte ihn früher nie weggeschickt. Auch, als sie mit dem Mensch ohne Haare unterwegs war, hatte sie ihn nie weggeschickt.
Er hatte den Mensch nie gemocht. Sie hing an ihm, sie bewachte seinen Schlaf und verteidigte ihn, aber er war nicht gut für sie. Saorr vertraute ihm nicht. Nun hatte sich sein Misstrauen als berechtigt erwiesen. Der Mensch war verschwunden. Er hatte sie allein gelassen, als sie ihn am meisten gebraucht hatte, inmitten dieser Zerstörung und dieser Kämpfe. Er war zurück zu seinem Volk gegangen.
Aber der Haarlose konnte sich nicht zwischen sie und Saorr schieben. Er verstand nicht, dass sie zusammengehörten, wie zwei Teile eines Ganzen, aber es war ihm auch gleichgültig. Der Haarlose war keine Bedrohung für das, was Saorr und Pfeil teilten. Sie hatte ihn nie weggeschickt, als der Haarlose da war.
Der Frostsäbler stieß die Luft mit einem Schnauben aus, schüttelte sich, wälzte sich ein weiteres Mal im Staub. Schlich an einer Ansammlung von Schwarzkutten vorbei. Sie waren blind und taub, während sie einer anderen Schwarzkutte zuhörten, die auf einer Kiste stand und redete. Er hätte sie alle mühelos töten können, hätte sie mit einem Prankenschlag zerfetzen können. Er tat es nicht.
Da, zwischen den Felsen. Da war der Elf. Saorr hatte ihn Eisenpranke genannt, obwohl Pfeil ihn mit einem anderen Namen ansprach. Zuerst hatte der Frostsäbler gedacht, er würde sein Eisen niemals ablegen, aber als sie das letzte Mal ihr Lager aufschlugen, hatte er gesehen, wie er das Eisen von seinen Händen abnahm. Unter dem Eisen war seine Haut verbrannt und voller Blasen. Wo war der Sinn des Eisens, wenn es ihn nicht einmal schützen konnte?
Mit angelegten Ohren kam der Frostsäbler näher. Der Staub in seinem Fell verschmolz mit dem Staub, der die Erde bedeckte. Er mit seinem schmutzigen, verbrannten Fell und die schmutzige, verbrannte Erde, sie waren eins. Niemand würde ihn sehen können.
Er senkte die Augenlider, bis nur noch schmale Schlitze offen waren, beobachtete Eisenpranke hindurch. Da war auch Pfeil. Sie sah den Frostsäbler nicht, sie hörte ihn nicht. Sie würde wissen, dass er da war, wenn sie darauf achtete, aber sie hatte ihr Herz vor ihm verschlossen. Sie sah Eisenpranke an und Saorr registrierte die Traurigkeit in ihrem Blick mit einem wütenden Schnauben.
Seite an Seite gingen sie in das Lager der Schwarzkutten, und Saorr musste all seine Beherrschung aufbringen, um nicht aufzuspringen und brüllend hinterherzurennen. Er schlug die Krallen in die Erde, verschluckte das Knurren, das gegen seine Kehle drückte.
Sie hatte ihn weggeschickt. Er würde nicht kommen, bis sie ihn rief. Er würde ausharren und warten. Er würde warten.
Sein Herz hämmerte wild gegen die Rippen, als er sich in den Staub drückte. Die Schwanzspitze peitschte hin und her. Es würde ihn verraten, diese Bewegung im Staub. Er zwang sich zur Ruhe.
Er hatte Pfeil und Eisenpranke zusammengebracht. Er hatte ihn am Rand des großen Baums gesehen, hatte den Ausdruck auf seinem glatten, schmalen Gesicht gesehen, den Blick seiner Augen. Er hatte das ganze Eisen an seinem Körper gesehen, obwohl auf dem Baum kein Krieg war. Und er wusste, dass Pfeil nur zu oft den selben Ausdruck auf ihrem Gesicht trug, die selbe Bitterkeit in ihren Augen.
Er war auf Eisenpranke zugelaufen, hatte ihn beobachtet. Er wusste, dass Pfeil folgen und mit dem Elf sprechen würde. Und so war es gewesen. Es hatte ihn nicht gewundert, als sie bald darauf aufbrachen und an diesen hässlich staubigen Ort gingen, mit Feuerklumpen, die herumliefen und die man nicht beißen konnte, weil sie einem den Mund vebrannten. Eisenpranke hatte nach Tod und Angst gerochen, wie fast alle, die an einen solchen Ort gingen.
Aber es war doch gut, war es das nicht? Es war gut, wenn Pfeil nicht allein war. Wenn sie keine Möglichkeit dazu hatte, sich in den Wäldern zu verstecken und in sich selbst, so, dass er sie nicht mehr erreichen konnte. Wenn sie von all den Dingen, die geschehen waren, abgelenkt wurde. Und Kampf war immer eine gute Ablenkung.
So hatte er am Anfang gedacht, aber er wusste nicht mehr, ob es so war. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn weggeschickt hatte. Sie hatte es vorgezogen, mit Eisenpranke auf die Jagd zu gehen als mit ihm, immer und immer wieder. Eisenpranke hatte es mit seinem grimmigen Blick und seinem Murren geschafft, was der Haarlose mit all seinem Gerede und seinem Lachen und seinem Herumscharwenzeln nicht geschafft hatte. Er hatte sich dazwischen geschoben, hatte sie – mit Gewissheit unabsichtlich – dazu gebracht, Saorr wegzuschicken. Aber es war nicht Eisenprankes Schuld. Die meiste Zeit über hatte Saorr keinen Groll auf ihn. Er mochte ihn sogar. Eisenpranke nahm sich oft die Zeit, um seine Hände in Saorrs Fell zu senken, über seine Ohren zu streichen und einfach nur da zu sein, wenn der Frostsäbler zu ihm kam. Etwas, was der Haarlose nie tat. Der Haarlose hatte Angst. Zuletzt nur ganz wenig, aber Saorr konnte sie immer noch in seinem Schweiß riechen.
Auch Eisenpranke hatte Angst, aber nicht vor dem Frostsäbler. Er hatte keine Angst vor seinen Pranken und seinen Fängen und seiner Kraft.
Saorr leckte sich über die staubigen Lefzen.
Eisenpranke hatte Angst vor Worten.
Er konnte seine Angst riechen, wenn Pfeil mit ihm sprach. Und er verstand nicht, wie man Angst vor Worten haben konnte. Zumal Pfeil nichts Bedrohliches tat. Sie achtete auf Eisenpranke, sie sorgte sich um seine Verbrennungen, und einmal hatte Saorr beobachtet, wie sie einen Riemen seiner Rüstung erneuert hatte, während er schlief, ohne, dass er es merkte. Sie tat nichts, wovor man sich fürchten musste.
Mit einem Seufzen ließ Saorr seine Schnauze in den Staub sinken. Eisenpranke kämpfte gut. Es war gut, ihn im Kampf dabei zu haben. Seine Eisenkralle riss große Wunden in das Fleisch der Gegner, falls sie überhaupt Fleisch hatten. Aber außerhalb vom Kampf wurde er langsam zu einer Last. Vielleicht sollte Saorr langsam darüber nachdenken, ihn wieder loszuwerden.
Da! Da kam er wieder, Staub auf seinem Eisen, Staub auf seinen Haaren. Pfeil folgte ihm in wenigen Schritten Abstand. Ihr Blick war wachsam, aber ihre Bewegungen verrieten, dass sie müde war.
Saorr drückte sich tiefer in den Staub, verharrte reglos, bis sie vorbeigezogen waren. Dann folgte er ihnen.
Pfeil gab die Geschwindigkeit an, was sie meistens tat. Eisenpranke folgte ihr; auch er schien erschöpft zu sein. Es war sicherlich nicht einfach, die ganze Zeit dieses Eisen mit sich herumzuschleppen.
Schon bald hatten sie den Fuß des Berges erreicht. Eine summende Spannung hatte sich des Frostsäblers bemächtigt: sie kamen der Heimat näher. Er roch den eisigen Wind, der Schnee mit sich trug, er roch die Nadelbäume und die Bärenfährten.
Hier war es gut. Er kam zum Stehen, sah Pfeil und Eisenpranke hinterher, wie sie sich in den Schutz einer Ruinen duckten. Die Eiswächter waren unruhig, aber sie hatten allen Grund dazu – das verbrannte Land war näher gerückt und somit auch die Schwarzkutten und ihre ganze stinkende Schar.
Die Eiswächter würden die Schwarzkutten nicht vorbei lassen. Pfeil war hier sicher.
Erleichtert ließ er sich in den Schnee fallen, wälzte sich herum, aber der Staub war hartnäckig und blieb in seinem Fell hängen. Er ließ die Zunge heraushängen und trottete am Rand der Schlucht entlang, um nach einem Weg auf die andere Seite zu finden.
Bald hatte er eine Stelle erreicht, die nicht allzu steil war. Es dauerte nicht sehr lange, die Schlucht zu überqueren.
Die singende Kälte weckte neue Kraft in ihm, vertrieb diese elende Müdigkeit, machte den Ruß, der in seiner Kehle klebte, erträglicher.
Er jagte, schnell und rücksichtslos, seine Krallen hart wie der Panzer von Eisenpranke.
Er erlegte einen jungen Hirsch, trank sein Blut, zerriss sein Fleisch, schlang es in großen Brocken hinunter, ließ den Rest zurück. Jemand würde den Kadaver schon finden und sich daran gütlich tun.
Und dann spürte er es. Sie hatte nach ihm gerufen, sie wollte, dass er zurückkam. Ein leises, aber beständiges Ziehen erfasste sein ganzes Wesen. Er setzte sich in Bewegung.
Es war nicht schwer, den Spuren zu folgen, die Pfeil und Eisenpranke hinterlassen hatten.
Sie hatten ihr Lager gefährlich nahe der Schlucht aufgeschlagen, aber Pfeil wusste sicher, was sie tat. Sie kannte das Land genau so gut wie Saorr.
Verwundert verharrte er auf dem Hang, von herabhängenden Ästen der Nadelbäume von ihrem Blick verborgen. Etwas geschah zwischen Pfeil und Eisenpranke, etwas Beunruhigendes.
Sie redete scharf auf ihn ein, und dann war er aufgesprungen und hatte nach ihr gegriffen. Saorr spannte sich an, sein Körper war wie eine Bogensehne, er würde Eisenpranke töten. Er wartete.
Eisenpranke zerrte an ihrem Arm, sie fiel in den Schnee, er kam hinterher, und Saorr konnte nur noch seinen eisengewandeten Rücken sehen, seine dunkle Mähne, der ihren so ähnlich. Saorr bohrte seine Krallen in den Schnee. Das Eisen würde den Elf nicht vor den Fängen des Frostsäblers schützen. Es würde ihn nicht vor seinem Tod schützen.
Saorr sammelte sich, er war bereit, er würde springen, er wollte Eisenprankes Blut sehen. Ein Zittern lief über seinen Körper… und er sprang nicht.
Eisenpranke hatte sich wieder hingesetzt und Pfeil sah ihn mit einer verzweifelten Zärtlichkeit an, mit einem Begehren, das den Frostsäbler verwirrte. Dann hob sie ihre Hand und berührte Eisenprankes Haar.
Der Frostsäbler schnaubte, sein Atem wirbelte Schneeflocken auf. Sie würde es nicht gutheißen, wenn er jetzt sprang und Eisenpranke tötete.
Also wartete er, und jede Bewegung der beiden Elfen jagte wütende Schauer durch sein Fell.