Asarhia: Lebensbringer

Asarhia ließ sich auf dem riesigen Ast nieder, der das Ende von Teldrassils Krone markierte. Jede Bewegung rief Schmerzen hervor. Heiler Leshij hatte ganze Arbeit geleistet, um die schwersten Verletzungen verschwinden zu lassen, aber es waren zu viele, um sie in so kurzer Zeit vollständig zu heilen. Die Kämpfe am Hyjal hatten keinen heilen Fleck auf ihrem Körper hinterlassen.
Und die Kämpfe würden bald weitergehen, wenn auch an einem anderen Ort. Der Krieg hatte sie wieder verschlungen und würde sie erst ausspucken, wenn der letzte Knochen in ihrem Leib zerbrochen war.
Sie zog den Saum ihrer Robe hoch, riss den Dolch aus der Lederscheide in ihrem Stiefel. Ein Samenkorn fiel auf die grobe Rinde Teldrassils. Er musste in die Dolchscheide gefallen sein.
Sie nahm den Samen hoch, betrachtete ihn nachdenklich. Plötzlich überkam sie wilde, heiße Wut. Sie hatte sich damit abgefunden, nicht über die Kräfte, die sowohl den Samen als auch den mächtigen Teldrassil zum Wachsen brachten, zu gebieten. Sie hatte sich damit abgefunden, ein Werkzeug der Zerstörung und nicht der Schöpfung zu sein. Sie war die Klinge, die das Blut aller vergoß, die es wagten, ihr Volk anzugreifen. Sie kämpfte für Cenarius und für alle, die seinen Lehren folgten. Sie behütete die Behüter. Es war eine ehrenvolle Aufgabe, und sie war stolz darauf gewesen.
Bis jetzt.
Zorn pochte in ihren Schläfen, während sie das Samenkorn vor sich auf die Rinde legte und es anstarrte. Es rührte sich nicht, natürlich nicht. Man konnte der Natur nicht befehlen. Man konnte eins mit ihr werden und seine eigene Kraft in sie einfließen lassen.
Wider Willen wanderte ihr Blick zu den Bäumen, die die Häuser der Druiden trugen. Die Enlave des Cenarius. Ein Ort seiner Lehren, seiner Weisheit – der dennoch nicht von der Verderbnis verschont war.
So viele von ihnen würden mit einer Handbewegung einen ganzen Wald dazu bringen können, für sie zu kämpfen. Sie konnte nicht einmal einen Samen dazu bringen, schneller zu wachsen und seine Essenz anschließend an einen Anderen weiterzugeben.
Sie war eine Kriegerin, sie brachte Zerstörung. Sie war nichts.
Der Dolch fiel aus ihrer Hand, blieb neben dem Samenkorn liegen. Zorn pochte in ihrem Herzen, während sie das kalte Metall, das den Tod brachte und diesen winzigen Behälter von Leben ansah.
Donner hallte hinter ihr. Riesige Schwingen zerrissen die Luft, während sie den rot geschuppten Körper in seinem Fall abbremsten.
Der Drache schüttelte sich, faltete die Flügel. Seine Schuppen raschelten leise, als er über den gewaltigen Ast schritt. Asarhia beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Sie regte sich nicht.
Der Drache erstrahlte im goldenen Glanz, seine Umrisse verschwammen. Der Drache war fort, ein Elf mit feuerrotem Haar blieb zurück.
„Du hast mich gerufen, Ehrwürdige.“
„Nenne mich nicht so, Variel. Es gibt nichts an mir, was deiner Ehre würdig ist.“ Sie wunderte sich, wie stumpf ihre Stimme klang.
„Was geschieht hier?“ Seine Stimme war warm und kraftvoll, genau wie seine Hände, die sich auf ihre Schultern legten. Sie spürte seine Hitze durch die dünne Seide ihres Kleides.
„Ich habe mir erlaubt, zu träumen. Ich bin dieser Träume nicht wert.“
„Ich verstehe deine Worte nicht, aber ich spüre die Angst, die dich verzehrt. Wovor fürchtest du dich hier? Am Berg Hyjal habe ich dich beobachtet. In der Schlacht kanntest du keine Furcht.“
„Man fürchtet sich nicht vor Dingen, die man kennt.“
Stille herrschte für wenige Augenblicke. Dann sprach Variel wieder.
„Der Krieger, an dessen Seite du auf dem Berg gekämpft hast – er ist hier, richtig? Er ist mit dir hierher zurückgekehrt.“
„Nein. Ich bin ihm gefolgt.“
„Macht es einen Unterschied?“
„Ja.“
„Nicht für mich.“
„Ich bin nicht von deinem Volk. Wir sind anders.“
„Ist das so?“ Er langte nach einer dünnen Lederschnur, die um ihren Hals lag, zog die polierte Drachenschuppe, die daran hing, unter ihrem Kleid hervor. „Ich habe dieses Geschenk niemandem gemacht, der nicht zu meinem Volk gehört.“
Sie entriss die Drachenschuppe seinen Fingern, ließ sie wieder zwischen ihren Brüsten verschwinden. Variel ließ sich auf die Knie nieder, brachte sein Gesicht an ihr Ohr. „Ich erinnere mich an eine Elfenkriegerin, die einem törichten Welpen über das Gleichgewicht erzählte. Über die Einigkeit mit sich selbst. Sie hat ihm oft das Leben gerettet, als er zu unerfahren war, es selbst zu tun. Er hat ihr vertraut. Wo ist sie jetzt?“
Sie schwieg.
„Ich bin kein Welpe mehr. Vertraust du mir?“
Sie zwang sich dazu, den Kopf zu senken, sich einen leisen, zustimmenden Ton zu entlocken.
„Ich bin am Berg Hyjal nicht mit dir in die Schlacht gezogen. Ich hatte andere Pflichten zu erfüllen. Aber ich habe dich nie allein gelassen. Ich war immer in der Nähe gewesen. Erinnerst du dich?“
„Es gab Zeiten, wo mir deine Krallen und dein Feuer geholfen hätten.“
„Aber du warst nicht darauf angewiesen. Ich musste meine Kraft für größere Kämpfe aufsparen. Aber wäre dein Leben oder das deines Gefährten ernsthaft in Gefahr, glaubst du nicht, dass ich euch mit meinen Krallen und meinem Feuer zu Hilfe gekommen wäre?“
„Ich hatte nie Grund, an dir zu zweifeln, Variel.“
„Warum lässt du dich dann von der Angst besiegen, jetzt, hier? Du hast so viel für unser Volk getan. Du hast gegen den blauen Schwarm gekämpft, als wäre es dein letzter Kampf gewesen. Dir meinen Schutz anzubieten ist das Mindeste, was ich tun kann. Und ich verspreche dir, dass ich nicht der Einzige bin, der es als seine Pflicht ansieht.“
„Um mich habe ich keine Angst.“
„Am Hyjal habe ich auch deinen Gefährten bewacht. Ich werde es wieder tun. Du hast dein Blut für mich und meine Brüder gegeben. Ich bin es dir schuldig.“
„Du würdest seinen Tod verhindern?“
Er erhob sich und für einen kurzen Augenblick, als sie zu ihm hinaufsah, war ihr, als würde seine wahre Gestalt um ihn herum aufblitzen. „Ich bin es dir schuldig“, wiederholte er.
„Du hast meinen Dank.“
„Das ist nicht alles, habe ich Recht?“
Sie langte nach dem Samenkorn, hielt ihn hoch. „Selbst die wenige Kraft, die ich hatte… entgleitet mir.“ Er schien zu verstehen, hockte sich wieder neben ihr hin.
„Du hast mir selbst von dem Gleichgewicht erzählt. Wie kannst du den Strom des Lebens lenken, wenn dein eigener Strom ein unruhiger Wirbel ist?“
„Wie kann ich…“
„Lass mich dir helfen“, fuhr er ihr ins Wort. „Vielleicht ist jetzt die Zeit, in der der Schüler seinen Meister übertrifft.“
Sie wollte widersprechen, aber er griff nach ihrem Arm, schloß seine Finger darum. Golden blitzte es vor ihren Augen auf, geschmolzenes Gold floß durch ihre Adern. Seine Kraft brandete durch ihren Körper, schien ihr Innerstes zu versengen.
Die Spuren der Kämpfe am Hyjal wurden fortgewischt, die vielen Wunden, die ihre Haut zeichneten, schlossen sich, verheilten binnen von Augenblicken. Der Schmerz löste sich auf, die Angst wurde hinausgespült.
Das Samenkorn entglitt ihren Fingern, aber die Macht des Drachen berührte ihn dennoch. Sie sah, wie es eine Traumblattpflanze hervorbrachte, wie sie wuchs und größer wurde, wie sie ihre Wurzeln in den gewaltigen Ast Teldrassils bohrte und sich mit ihm verband.
Sie spürte die Kraft des Lebens, die durch den Ast in ihren Körper floss. Sie war ein zu Scherben geschlagenes Gefäß gewesen, und die Berührung des Drachen hatte die Scherben zusammengefügt. Die Kraft floss ungehindert durch sie hindurch, verband sie mit dem Drachen und dem Baum unter ihr und mit der ganzen Welt.
Tränen bahnten sich ihren Weg über ihr Gesicht. „Ich sehe es, Variel“, hauchte sie. „Ich sehe, was du mir zeigen willst.“
Er zog seine Hand zurück, aber das Band blieb bestehen. „Vergiss es nicht. Vergiss es nie mehr.“
Sie kam auf die Beine, und zum ersten Mal seit langer Zeit wurde die Bewegung nicht von Schmerz begleitet. Sie drehte sich zu ihm, aber der Elf war verschwunden, in seiner wahren Gestalt stand Varielstrasz vor ihr, und seine Augen waren flüssiges Gold.
Kriegerin, Bewahrerin, Drachengeschworene – in diesem Augenblick war sie alles, was sie jemals hätte sein wollen. Sie streckte die Hand aus, fuhr über die feurig glänzenden Schuppen. „Lebensbringer“, murmelte sie. „Das bedeutet dein Name. Lebensbringer.“
Er hob eine Pranke, drückte sie sacht zu Boden, bis sie auf dem Rücken ausgestreckt da lag. „Du bist erschöpft. Schlafe jetzt“, raunte seine Stimme in ihren Gedanken. „Ich wache über dich und über die Deinen.“
Sie ließ sich von seinen Worten forttragen, ergab sich den Träumen, in denen es keine Furcht und keinen Schmerz mehr gab.